
Libor Rouček (li.) im Gespräch mit Filip Bláha (re.)
„Dass ich nicht zum Kommunisten wurde, war der Verdienst meines Großvaters“
Libor Rouček spricht mit Filip Bláha über seine Jugend und politische Prägung in Kladno
In einem Gespräch zwischen Libor Rouček, der 1954 in Kladno geboren wurde, und Filip Bláha wurde die besondere Atmosphäre der Stadt greifbar. Auch politisch sei die Stadt interessant, so Thomas Oellermann, der das Gespräch moderierte. Eigentlich in der Hand der ODS, waren die Senatoren, die dort gewählt wurden, anderer politischer Herkunft, darunter einige Jahre der ehemalige Außenminister Jirí Dienstbier, der in Kladno in eine Arztfamilie geboren wurde, und dessen gleichnamiger Sohn, der den Sozialdemokraten angehörte. Auch Libor Rouček hatte sein Abgeordnetenbüro in Kladno.
Libor Rouček, geboren am 4. September 1954 in Kladno, war Mitglied der Abgeordnetenkammer der Tschechischen Republik von 2002 bis 2004 und auch Mitglied des Europaparlaments von 2004 bis 2014, dabei von 12009 bis 2012 Vizepräsident des Europäischen Parlaments. Rouček ist verheiratet und hat drei Söhne
Im Gespräch mit dem Historiker Filip Bláha erzählte Libor Rouček über seine Kindheitserinnerungen in Kladno. „Kladno war damals eine Industriestadt. Eine Hälfte der Bewohner – auch meine Familie – arbeitete in den Kohlegruben und die andere in den Stahlwerken“.
„Als ich neun oder zehn Jahre alt war, entschloss ich mich, Deutsch zu lernen. In den Kohlegruben von Kladno arbeiteten damals auch Menschen deutscher Herkunft. Sie stammten aus dem Riesengebirge und aus anderen Teilen des Sudetengebiets. Einer von ihnen war Herr Scholz, der meine Mutter von der Arbeit her kannte. Er war zweisprachig und hat mir viel Deutsch beigebracht“, so Roucek weiter.
Als er 16 Jahre alt wurde, ist auch er in die damalige Poldi-Hütte gegangen, um Geld zu verdienen. Er habe damals drei Jahre lang als Walzwerker gearbeitet und zugleich das Gymnasium besucht. Damals war Motocross nicht nur in der Tschechoslowakei sehr populär. Seit seinem elften oder zwölften Lebensjahr wollte er auch Motocross fahren. Der Sport war jedoch teuer, und seine Mutter habe gesagt, sie gebe ihm kein Geld dafür, dass sei seine Sache. „Ich bin in die Walzwerke gegangen, um Geld für mein Hobby zu verdienen: den Motocross“, blickte Libor Rouček zurück.
Als er geboren wurde, gab es die Sozialdemokratische Partei nicht und bei seiner Herkunft hätte er als politisch interessierter Mensch auch gut Kommunist werden können. Dass es dazu nicht kam, war der Verdienst seines Großvaters. Er war Drucker und klassischer Sozialdemokrat. In der Zwischenkriegszeit arbeitete er in der Druckerei, die die Zeitung der Sozialdemokraten Právo lidu (Recht des Volkes) druckte. In Kladno arbeitete man entweder im Stahl- oder Bergwerk. In unserer Familie findet sich beides.
„Dass ich nicht zum Kommunisten wurde hat auch viel mit 1968 zu tun“, so Rouček. „Es war die Zeit, als ich begann, mich für Politik zu interessieren. Vorher war ich wirklich noch zu jung und außerdem war Politik uninteressant. Aber dann kam es im Januar zum Wechsel in der Partei und dann der Staatsführung und alle begannen auf einmal darüber zu sprechen und die Freiheit war zu spüren bis dahin, dass wir auch zum ersten Mal ins (westliche) Ausland reisen durften. Wir fuhren nach Jugoslawien über Österreich und das war kein Problem. Dann aber kam der Schock der Okkupation und vor allem der Normalisierung“, berichtete Libor Rouček aus seinem Leben.
Besonders berührte die Erzählung zum Prager Frühling, wo die Familie sich im Urlaub in Jugoslawien befand und der Vater – aus Pflichtgefühl und mangelnder Perspektive – entgegen aller anderen Tschechen an der Grenze wieder zurückfuhr anstatt den Weg in den Westen zu wählen.
1977 emigrierte er Libor Rouček, dann erwachsen nach Österreich, wo er von 1978 bis 1984 an der Universität Wien Politikwissenschaft und Soziologie studierte. Seine Dissertation schrieb er über die Beziehungen zwischen der damaligen Tschechoslowakischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1983. Es sei eine sehr schwierige Entscheidung für ihn gewesen, da er nicht gewusst habe, ob er seine Eltern und die ganze Familie wiedersehen werde, erzählte Rouček weiter. „Ich kann auch heute sagen, dass es vermutlich die schwerste Entscheidung meines Lebens war. Ich habe zwar daran geglaubt, dass sich das Regime irgendwann ändern muss, aber das war nicht sicher. Ich war das einzige Kind, für meine Mutter war das sehr schwer und für mich auch. Es hat etwa drei Jahre lang gedauert, bis ich mich so stark gefühlt habe, um zu gehen.“
Ab 1980 arbeitete er als Dokumentarfilmer in der Zentrale SPÖ. Von 1988 bis 1991 war er Redakteur bei Voice of America, später Mitarbeiter. Von 1991 bis 1992 arbeitete er am Royal Institute of International Affairs in London.
„Zum ersten Mal kam ich im Januar 1990 zurück nach Prag. Das war wunderbar, das Land war frei, die Menschen waren begeistert und hatten große Erwartungen. Überall gab es tschechoslowakische Fahnen, das war ein unglaublich schönes Gefühl, das ich zuvor nur einmal erlebt hatte – und zwar 1968“, blickte Libor Rouček zurück.
Ebenso erinnerte er sich an die Wiedergründung der sozialdemokratischen Partei: „Die tschechoslowakische oder tschechische Sozialdemokratie war die einzige sozialdemokratische Partei in Europa, die den Kommunismus überlebt hatte, jedoch im Exil im Ausland. Ich war der erste Journalist, der am 19. November 1989 die Erklärung über die Wiedergründung der Partei verlas. Das war bei ‚Voice of America‘. Ich war die ganze Zeit mit den Exil-Sozialdemokraten in Kontakt.“
Wirklich zurückgekehrt ist Libor Roucek 1997. „Ich habe gleich als Parteisprecher bei den Sozialdemokraten angefangen. Einige Monate später haben wir die Wahlen gewonnen, und ich war dann Sprecher der Regierung Zeman. Von 2003 bis 2009 leitete er den außenpolitischen Ausschuss der ČSSD und von 2002 bis 2006 war er stellvertretender Vorsitzender der mittelböhmischen ČSSD. Bei den Wahlen 2002 wurde er im Wahlkreis Mittelböhmen für die ČSSD in die Abgeordnetenkammer gewählt und wurde stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Europäische Integration und des außenpolitischen Ausschusses der Abgeordnetenkammer und wurde bei den Europawahlen 2004 für die Tschechische Republik ins Europäische Parlament gewählt.
Bei den Europawahlen 20024 kandidierte er für die mittlerweile zur SOCDEM umbenannten tschechischen Sozialdemokratie auf Platz 28 der Parteiliste. Die Partei erhielt jedoch nur 1,86 % der Stimmen und Rouček wurde nicht wiedergewählt.
Im April 2025 gab er seinen Austritt aus SOCDEM bekannt, weil er mit der neuen Ausrichtung unter den Parteivorsitzenden Jana Maláčová und Lubomír Zaorálek nicht einverstanden war. Ebenso verließen beispielsweise der Gouverneur der Region Pardubice, Martin Netolický, Senator Petr Vícha, der ehemalige, ebenso aus Kladno stammende Minister und Senator Jiří Dienstbier der ehemalige SOCDEM-Vorsitzende Michal Šmarda die Sozialdemokratie.
Die SOCDEM ist nach dem Scheitern von Stačilo! zum zweiten Mal in Folge nicht im Abgeordnetenhaus vertreten. Libor Rouček erwartet auf dem Parteitag Ende November, nach dem die innerparteiliche Führung, einschließlich der Vorsitzenden Jana Maláčová, zurückgetreten ist, auf einen Neuanfang.
In einem gemeinsamen Aufruf hat die Bundesversammlung der Seliger-Gemeinde beim Herbstseminar erklärt: „… Die Seliger-Gemeinde beobachtet aufmerksam und in freundschaftlicher Verbundenheit die Bemühungen von fortschrittlichen Kräften innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung in der Tschechischen Republik, welche versuchen die sozialdemokratische Partei von innen im Geiste der oben angegebenen Prinzipien zu reformieren und auf den europäischen Weg zurückzuführen. Die Seliger-Gemeinde ist bereit, alle solchen Bemühungen mit Rat und Tat zu unterstützen und wünscht diesen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten hierbei viel Erfolg….“ - eingebracht hatten den Antrag Jörg Nürnberger MdB a.D. und Libor Rouček MdEP.aD.