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  • Wenzel-Jaksch-Preis 2016: Dankesrede des Preisträgers Petr Vokrál

    Unsere Völker haben seit Jahrhunderten nebeneinander gelebt, in guten und in schlechten Zeiten. Wir haben einander geachtet und nachbarschaftliche und familiäre Beziehungen aufgebaut. Ungeachtet dessen, ob jemand Tscheche oder Deutscher war. Die Grauen des Zweiten Weltkrieges und die Ereignisse unmittelbar danach zerstörten für Jahrzehnte die zwischenmenschlichen Beziehungen und hinterließen Wunden, die zu heilen sind.
    Ich stehe hier aber nicht, um die Geschichte zu analysieren und schon gar nicht, um irgendjemandem irgendeine Schuld zuzuschieben. Was ich sagen will ist, dass es zu jeder Zeit außergewöhnliche Menschen gibt, die sich dem Zwang der Mehrheit nicht beugen und die bereit sind, auch um den Preis ihres eigenen Lebens, ihre Anschauung zu verteidigen. Ein solcher Mensch war auch Wenzel Jaksch. Ein Mann, der sich ein Leben lang bemühte, einen gemeinsamen Weg für unsere beiden Völker zu finden. Es ist eine große Ehre für mich, dass ich hier heute stehen darf, um seiner zu gedenken und aus vollem Herzen zu erklären, dass Tschechen und Deutsche für mich indes Freunde sind.
    20160618_wjp_rede_2016Heutzutage ist es mehr als offensichtlich, wenn wir in einem gemeinsamen und zusammenhaltenden Europa miteinander leben sollen, müssen wir Herausforderungen begegnen können, die sich aus der heutigen Weltlage ergeben. Dafür aber müssen wir Partner ohne gegenseitige Vorurteile sein mit Zuversicht und mit vollem Respekt. Leider scheint es mir zuweilen, dass uns, auf unserer Seite, 40 Jahre des demokratischen Reifeprozesses fehlen, wegen des Kommunismus. Dieses hat unsere Situation nicht vereinfacht und die Schritte zur Versöhnung auch verzögert. Umso mehr schätze ich die Anregungen junger, unbelasteter Menschen, die das gesamte Projekt des Jahres der Versöhnung mit Begeisterung umgesetzt haben. Dafür will ich ihnen von ganzem Herzen danken. Es ist nicht das Ziel von Veranstaltungen wie dem Jahr der Versöhnung, in alten Wunden zu stochern, ganz im Gegenteil. Viele Wunden wurden mit der Zeit geheilt, ein Unrechtsgefühl bleibt aber manchmal ein Leben lang präsent. Und dabei könnte vielleicht ein schlichter Ausdruck des Bedauerns zur Versöhnung genügen. Selbiges gilt wohl auch für ein kurzes: „Es tut mir leid!“ Wir wollen auf diese Weise zeigen, dass wir bereits gereift sind, wir begreifen, dass Gewalt keine Lösung ist und dass Rache kein einziges verlorenes Leben zurückbringt. Unsere Lösung, welche die letzten Wunden zwischen Tschechen und Deutschen endgültig heilen kann, ist die gemeinsame Zukunft voll Toleranz und Verständnis. Eine Zukunft, in der es keinen Platz für Rassismus, Extremismus und Hass gibt.
    Lassen sie mich mit einem herzlichen Dank an sie, die traditionelle Gesinnungsgemeinschaft der deutschen Sozialdemokraten in der Ersten Tschechoslowakischen Republik, schließen. Es ist mir eine große Ehre und eine hohe Würdigung, nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die ganze Stadt.

    Petr Vokrál


  • Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises, Bayerischer Landtag (18.06.2016)

    „Gemeinsame Zukunft voller Toleranz und Verständnis!“ Diese Worte des Brünner Oberbürgermeisters hätten als Überschrift über seinen Ausführungen anlässlich der Verleihung des diesjährigen Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises im Rahmen des Vertriebenenempfangs der BayernSPD am 18. Juni im Plenarsaal des Bayerischen Landtags in München stehen können. Primator Petr Vokrál hatte die Auszeichnung für seine und für die Bemühungen seiner Stadtratsfraktion erhalten, 70 Jahre nach dem schrecklichen Zwangsmarsch der deutschen Bevölkerung von Brünn an die österreichische Grenze einen Neuanfang in den gegenseitigen Beziehungen zu wagen und in einer Versöhnungserklärung zu dokumentieren. Es war die Absicht der SG und der Preisjury, das aufrichtige und in unserem Nachbarland noch immer schwierige und politisch riskante Engagement der Brünner politischen Führung für einen aufrichtigen deutsch-tschechischen Ausgleich zu würdigen und als Beispiel hinzustellen. Diese Bemühungen fanden große Unterstützung bei allen Anwesenden.
    In seiner Laudatio wies Martin Bachstein auch darauf hin, dass beide Völker grundsätzlich seit der neuen Ostpolitik Willy Brandts in den 70er Jahren in ihren Beziehungen „neben Rückschlägen doch insgesamt eine stetige Aufwärtsentwicklung verzeichnen“ konnten, dass aber zugleich noch immer viel Platz für Fortschritte vorhanden sei. Die Tschechische Republik beziehungsweise ihre Vorgängerin habe zwar nach 1945 keine deutschen Gebiete annektiert; sie habe aber als Reaktion auf die Zerstörung ihres Staates durch das Münch-ner Abkommen und auf die Okkupation durch Hitler-Deutschland mehr als zweieinhalb Millionen Deutsche auf teilweise grausame Art des Landes verwiesen und diesen Menschen die Heimat genommen. Zu den ersten Vertriebenen zählten schon 1938/1939 einige Tausend sudetendeutsche Sozialdemokraten, die für sich und ihren Familien vor allem in Skandinavien, Großbritannien und Kanada eine neue Heimat suchen mussten. Der Laudator erwähnte auch die besondere Rolle der mährisch-deutschen Abgeordneten und Funktionäre in der Geschichte der Sozialdemokratie, die als Austromarxisten den nationalen Gegensatz zwischen Tschechen und Deutschen oft weniger intensiv als die Bewohner Nordböhmens wahrnahmen und auch entsprechend politisch reagierten. Er meinte sogar, dass das Verhalten der Mehrheit der heutigen Brünner Gemeindevertretung und des Preisträgers der „besseren Tradition“ Mährens im deutsch-tschechi-schen Verhältnis entspreche.

    Die Preisübergabe (v.l.): Oberbürgermeister Petr Vokrál, Volkmar Halbleib, SPD-MdL, Dr. Helmut Eikam und Albrecht Schläger, SG-Bundesvorsitzende

    Bachstein dankte dem Stadtoberhaupt für das im vergangenen Jahr innerhalb weniger Wochen erstellte Jahresprogramm anlässlich der 70. Wiederkehr des Kriegsendes, das ausdrücklich die Auflage enthielt, „aller Opfer des Krieges und damit auch den Opfern der Vertreibung der Deutschen aus der Stadt“ zu gedenken. Und er dankte auch für die vor einem Jahr verabschiedete Erklärung der Stadtverwaltung und des Primators, die inhaltlich zum ersten Mal über die Entschuldigung Vacláv Havels von 1990 hinausreichte und die politische Verantwortung für die Ereignisse des Jahres 1945 übernahm sowie eine Bitte um Vergebung enthielt. Primator Vokrál habe sei-nerzeit „einen beispiellosen und einmaligen Akt politischer Reife und hoher Erinnerungskultur erbracht“, welcher das Motto der Ersten Republik vom Sieg der Wahrheit wieder einmal bestätigt habe.
    In seiner Dankesrede erinnerte Oberbürgermeister Vokrál daran, dass erst die schrecklichen Ereignisse vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg die im Grunde genommen insgesamt ausgeglichenen Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen schweren Belastungen ausgesetzt hätten. Begleitet vom starken Beifall der Anwesenden sprach der Preisträger von einer gemeinsamen Zukunft voller Toleranz und Verständnis. Die bedeutsame Rede des Brünner Primators ist nachstehend im Wortlaut wiedergegeben.

    Martin K. Bachstein