Volkmar Gabert – Zum 15. Todestag des SPD-Politikers und Karlspreisträgers am 19. Februar (Sudetendeutsche Zeitung Folge 9 | 02.03.2018)

Martin K. Bachstein gedenkt des am 11. März 1923 in Dreihunken im späteren Kreis Teplitz- Schönau geborenen Landsmannes und führenden bayerischen SPD-Politikers.

Volkmar Gabert war in erster Linie Sozialdemokrat, langjähriger Landeschef und Abgeordneter seiner Partei, aber er stand auch von 1986 bis zu seinem Tod der Seliger-Gemeinde vor. Von seinen Vorgängern in diesem Amt stand Wenzel Jaksch als Präsident der Sudetendeutschen Bundesversammlung ihm am nächsten. Dessen Nachfolger Ernst Paul und Adolf Hasenöhrl hatten vor allem aufgrund der deutschen Politik gegenüber den damals kommunistischen Staaten Ostmitteleuropas ein distanzierteres Verhältnis; aber Gabert verstand ungeachtet seiner hohen Positionen innerhalb seiner Partei, diesen Abstand aufgrund seiner menschlichen Qualitäten zu überwinden und erwies da- mit der Einheit der Sudetendeut- schen Volksgruppe große Dienste. Dafür erhielt er 1997 den Karlspreis der Landsmannschaft.

Sein Interesse an und seine politische Unterstützung der Schaffung eines europäischen Volksgruppenrechtes waren nicht nur ein Ergebnis seiner Erfahrungen als Vertriebener, sondern auch ein Indiz seines grundsätzlichen Glaubens an die Notwendigkeit von Fairneß in der Behandlung nationaler Minderheiten. Aus ähnlichen Gründen beteiligte er sich nach 1998 – ungeachtet seiner bereits fortgeschrittenen schweren Erkrankung – auch als Mitglied des Verwaltungsrates an den umfangreichen Aufgaben des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.

Zu Volkmar Gabelst 15. Todestag legten Mathilde Pollak und Renate Slawik im Namen der Seliger-Gemeinde Blumen ans Grab im oberbayerischen Unterhaching.

Gabert entstammt einer alten nordböhmischen sozialdemokratischen Familie. Sein Vater, Oberlehrer in einem dörflichen Vorort von Teplitz-Schönau, war seinen vier Kindern ein Beispiel an sozialdemokratischer Loyalität, aber er war auch ein Kritiker der ungerechten Politik gegenüber den Deutschen in der Ersten Republik. Selbstverständlich ordnete sich Volkmar wie seine Geschwister in die damals lebensumfassenden Organisationen der Arbeiterbewegung ein. Er war bei den Roten Falken, der Sozialistischen Arbeiterjugend, den sozialdemokratischen Naturfreunde und dem Arbeiter-Turn- und Sportbund. Dies war nicht nur Zeitvertreib, sondern politischer Lebensinhalt und Vorbereitung auf sein Leben als Erwachsener.

1938 war er 15 Jahre alt, als er mit seiner Familie nach England ins Exil mußte. Sein Vater und sein ältester Bruder waren als sozialdemokratische Funktionäre hochgefährdet, so daß die Familie nicht im zunächst als sicher geltenden Prag bleiben konnte, wohin sie aus Nordböhmen geflüchtet waren.

Er mußte deshalb bereits in früher Jugend arbeiten, in der Landwirtschaft, auf dem Bau und als Dreher in der metallverarbeitenden Industrie, am Abend bald als Vorsitzender einer Jugendgruppe der Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in London und später als kooptiertes Mitglied des Vorstandes der von Wenzel Jaksch geleiteten Exilorganisation. Diese Erfahrungen, verstärkt durch Schulungen der Fabian Society in der Labour Party, und die Aus- einandersetzungen Jakschs mit der Exilregierung Edvard Benešs wegen dessen Vertreibungspolitik beeinflußten seine spätere politische Haltung entscheidend – nicht nur gesellschaftspolitisch oder das deutsch-tschechische Verhältnis betreffend, sondern auch hinsichtlich seines Eintretens für die Integration Europas.

Nach Kriegsende, als die Rückkehr aus dem Exil lange nicht möglich war, wurde Volkmar Gabert 1946 politisch unbelasteter Übersetzer bei der USA-Besatzungsmacht in München. Als einer der ersten Sudetendeutschen im Westen nahm er Berichte über Verfolgung und Vertreibung der Landsleute entgegen und leitete sie nach England an Jaksch weiter. Gabert war auch eine der ersten Kontaktpersonen in München, welchen Emissäre wie Emil Werner von der gescheiterten Wiedergründung der DSAP in der Heimat und der antideutschen Haltung der dortigen Behörden berichteten. 1948, als auch die Neubürger sich am politischen Leben beteiligten, wurde er Vorsitzender der Jusos in München. 1950 kam er in den Landtag, dem er bis 1979 angehörte. 1962 bis 1976 führte er die SPD-Landtagsfraktion, von 1963 bis 1972 war er SPD-Landesvorsitzender. 1962 und 1966 erzielte er mit 35,3 und 35,8 Prozent bisher nicht wieder erreichte Ergebnisse für seine Partei. 1964 bis 1979 war er Mitglied des SPD-Bundesvorstandes, ab 1979 für eine Wahlperiode Europaabgeordneter. 1971 bis 1988 war er Geschäftsführender Vorsitzender die Arbeitsgemeinschaft demokratischer Sozialisten im Alpenraum und 1971 bis 1989 Vorsitzender der SPD-Bildungseinrichtung Georg-von-Vollmar-Akademie.

Gabert war eine Herausforderung für seine eher konservativen Landsleute. Daß er dennoch gute und oft freundschaftliche Verbindungen zu ihnen hatte, lag an seiner ausgleichenden und selten polemischen Persönlichkeit. Wir erinnern uns an ausführliche Gespräche Gaberts mit Franz Neubauer und Johann Böhm in Brannenburg und bei Sitzungen des Sudetendeutschen Rates, welchem er viele Jahre an prominenter Stelle angehörte.

Die politische und humanistischen Grundhaltung bestimmte seine Haltung gegenüber den Tschechen. Er war nicht begeistert von der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997, weil sie die Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit belaste. Er stellte sich dennoch den Heraus- forderungen im Verwaltungsrat des Zukunftsfonds, weil er mehr an die Zukunft als an die Vergangenheit glaubte. Die gute Entwicklung des deutsch-tschechischen Verhältnisses in den vergangenen Jahren bestätigt seine Haltung.