Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises, Bayerischer Landtag (18.06.2016)

„Gemeinsame Zukunft voller Toleranz und Verständnis!“ Diese Worte des Brünner Oberbürgermeisters hätten als Überschrift über seinen Ausführungen anlässlich der Verleihung des diesjährigen Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises im Rahmen des Vertriebenenempfangs der BayernSPD am 18. Juni im Plenarsaal des Bayerischen Landtags in München stehen können. Primator Petr Vokrál hatte die Auszeichnung für seine und für die Bemühungen seiner Stadtratsfraktion erhalten, 70 Jahre nach dem schrecklichen Zwangsmarsch der deutschen Bevölkerung von Brünn an die österreichische Grenze einen Neuanfang in den gegenseitigen Beziehungen zu wagen und in einer Versöhnungserklärung zu dokumentieren. Es war die Absicht der SG und der Preisjury, das aufrichtige und in unserem Nachbarland noch immer schwierige und politisch riskante Engagement der Brünner politischen Führung für einen aufrichtigen deutsch-tschechischen Ausgleich zu würdigen und als Beispiel hinzustellen. Diese Bemühungen fanden große Unterstützung bei allen Anwesenden.
In seiner Laudatio wies Martin Bachstein auch darauf hin, dass beide Völker grundsätzlich seit der neuen Ostpolitik Willy Brandts in den 70er Jahren in ihren Beziehungen „neben Rückschlägen doch insgesamt eine stetige Aufwärtsentwicklung verzeichnen“ konnten, dass aber zugleich noch immer viel Platz für Fortschritte vorhanden sei. Die Tschechische Republik beziehungsweise ihre Vorgängerin habe zwar nach 1945 keine deutschen Gebiete annektiert; sie habe aber als Reaktion auf die Zerstörung ihres Staates durch das Münch-ner Abkommen und auf die Okkupation durch Hitler-Deutschland mehr als zweieinhalb Millionen Deutsche auf teilweise grausame Art des Landes verwiesen und diesen Menschen die Heimat genommen. Zu den ersten Vertriebenen zählten schon 1938/1939 einige Tausend sudetendeutsche Sozialdemokraten, die für sich und ihren Familien vor allem in Skandinavien, Großbritannien und Kanada eine neue Heimat suchen mussten. Der Laudator erwähnte auch die besondere Rolle der mährisch-deutschen Abgeordneten und Funktionäre in der Geschichte der Sozialdemokratie, die als Austromarxisten den nationalen Gegensatz zwischen Tschechen und Deutschen oft weniger intensiv als die Bewohner Nordböhmens wahrnahmen und auch entsprechend politisch reagierten. Er meinte sogar, dass das Verhalten der Mehrheit der heutigen Brünner Gemeindevertretung und des Preisträgers der „besseren Tradition“ Mährens im deutsch-tschechi-schen Verhältnis entspreche.

Die Preisübergabe (v.l.): Oberbürgermeister Petr Vokrál, Volkmar Halbleib, SPD-MdL, Dr. Helmut Eikam und Albrecht Schläger, SG-Bundesvorsitzende

Bachstein dankte dem Stadtoberhaupt für das im vergangenen Jahr innerhalb weniger Wochen erstellte Jahresprogramm anlässlich der 70. Wiederkehr des Kriegsendes, das ausdrücklich die Auflage enthielt, „aller Opfer des Krieges und damit auch den Opfern der Vertreibung der Deutschen aus der Stadt“ zu gedenken. Und er dankte auch für die vor einem Jahr verabschiedete Erklärung der Stadtverwaltung und des Primators, die inhaltlich zum ersten Mal über die Entschuldigung Vacláv Havels von 1990 hinausreichte und die politische Verantwortung für die Ereignisse des Jahres 1945 übernahm sowie eine Bitte um Vergebung enthielt. Primator Vokrál habe sei-nerzeit „einen beispiellosen und einmaligen Akt politischer Reife und hoher Erinnerungskultur erbracht“, welcher das Motto der Ersten Republik vom Sieg der Wahrheit wieder einmal bestätigt habe.
In seiner Dankesrede erinnerte Oberbürgermeister Vokrál daran, dass erst die schrecklichen Ereignisse vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg die im Grunde genommen insgesamt ausgeglichenen Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen schweren Belastungen ausgesetzt hätten. Begleitet vom starken Beifall der Anwesenden sprach der Preisträger von einer gemeinsamen Zukunft voller Toleranz und Verständnis. Die bedeutsame Rede des Brünner Primators ist nachstehend im Wortlaut wiedergegeben.

Martin K. Bachstein