• Erinnerung an Richard Reitzner (31.05.2017)

    Seliger-Gemeinde zu Gast bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft

    An Richard Reitzner, einen unermüdlichen Kämpfer für die Belange der Vertriebenen, erinnerte der Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde e.V. Albrecht Schläger bei einer Veranstaltung der Sudetendeutschen Landsmannschaft im Gasthaus Aschenberger.
    Reitzner, 1893 in Einsiedel bei Marienbad geboren, nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und schloss sich 1920 der Arbeiterbewegung an. Im „Dritten Reich“ kamen über 20 000 sudetendeutsche Sozialdemokraten in Zuchthäuser und Konzentrationslager. Reitzner hatte im Herbst 1938 mit seiner Familie noch nach Großbritannien auswandern können, wo er mit Wenzel Jaksch und Ernst Paul eine Emigrantengruppe leitete. 1946 kehrte er nach München zurück, trat in die SPD ein, wurde für kurze Zeit stellvertretender Landesvorsitzender und 1947 stellvertretender Staatssekretär für das Flüchtlingswesen in Bayern. Von Anfang an arbeitete er mit Hans Schütz von der Ackermann-Gemeinde und Walter Becher vom Witiko-Bund in verschiedenen Gremien der Flüchtlingsverwaltung zusammen. Für die erste Vertriebenen-Zeitung, die noch heute existierende „Brücke“, schuf er die finanziellen und personellen Grundlagen. Bei der Gründungsversammlung der Seliger-Gemeinde 1951 wurde Wenzel Jaksch zum Bundesvorsitzenden gewählt und Richard Reitzner übernahm den geschäftsführenden Vorsitz, den er bis zu seinem Tode 1962 innehatte.

    Austausch in Passau (v.l.): SL-Kreisgruppenvorsitzender Peter Pontz,
    Vorstandsmitglied der Seliger-Gemeinde Niederbayern-Oberpfalz Karin
    Hagendorn, MdL Bernhard Roos, Vorsitzende Helga Heller, Mitglied Helmut
    Zahradnik, Referent Albrecht Schläger, die Vorstandsmitglieder Horst
    Jorde und Erwin Haslberger .

    Schläger führte an, dass die Vertriebenen einen großen Anteil am modernen Bayern hätten. Viele Firmen wurden nach 1945 gegründet, sudetendeutsche Sozialdemokratengründeten SPD-Ortsvereine. In der Diskussion schilderte MdL Bernhard Roos seine familiären Verbindungen zu Österreich, Ungarn und Tschechien und betonte, dass Migration eine existenzielle Bedeutung für ihn habe, er sich aber voll und ganz als Niederbayer fühle. Vorsitzende Helga Heller hob Reitzners Einsatz für das Fremdrentengesetz heraus, mit dem Vertriebene für im Ausland geleistete Tätigkeiten entschädigt werden konnten. Unter den Gästen war auch Vorstandsmitglied Karin Hagendorn von der neugegründeten Regionalgruppe Niederbayern-Oberpfalz der Seliger-Gemeinde.

    Foto und Text: Passauer Neuen Presse, 31.05.2017


  • Dachau erinnert 72 Jahre nach dem 2. Weltkrieg an die Befreiung des KZ (30.04.2017)

    Politiker und Zeitzeugen warnen vor dem wieder erstarkten Rechtsradikalismus und Rassismus

    Im Konzentrationslager Dachau und seinen zahlreichen Außenlagern waren zwischen 1933 und 1945 über 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert. Am 29. April 1945 wurde das Konzentrationslager Dachau von den US-Truppen befreit. Für 41 500 Menschen kam die Befreiung zu spät. Sie wurden ermordet.
    Am 30. April 2017 erinnerten sich zahlreiche Gäste aus der ganzen Welt, auch Mitglieder der Lagergemeinschaft und Überlebende des KZ Dachau und ihre Angehörigen an den Tag der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers vor 72 Jahren. Auch die Mitglieder der Seliger Gemeinde, Christine Haschek und Georg Wechselberger von der SG Dachau sowie Peter Heidler, Landesvorsitzender der SG Bayern und seine Frau Renate, nahmen an den Feierlichkeiten teil und legten vor dem internationalen Mahnmal einen Kranz mit roten Nelken nieder.

    vorne v.l. Peter Heidler, Landesvorsitzender der SG Bayern, Georg Wechselberger von der SG Dachau, dahinter v.l. Christine Haschek von der SG Dachau, Renate Heidler, SG Hof (Foto: Renate Slawik)

    Noch gibt es Zeitzeugen, doch es werden immer weniger. Einer fehlte besonders: Max Mannheimer. Er verstarb im September 2016 im Alter von 96 Jahren. Doch auf dem ehemaligen Gelände des Krematoriums ist das ehemalige Mitglied der Seliger Gemeinde präsent. Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) betonte, dass Mannheimer für Dachau ein wertvoller Berater in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit war. Mahner und Versöhner in ein einer Person. Dachau sei zum Lern-und Erinnerungsort geworden und ginge offen mit der Geschichte der KZ-Vergangenheit um. Doch Rassismus und Antisemitismus wären wieder auf dem Vormarsch. „Menschlichkeit, Freiheit und Solidarität sind Werte die nicht selbstverständlich sind. Sie müssten von jeder Generation immer wieder neu errungen werden“, so Hartmann.

    v.l. Peter Heidler, Landesvorsitzender der SG Bayern, Christine Haschek und Georg Wechselberger von der SG Dachau legten nach der Gedenkveranstaltung zum 72. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau am internationalen Mahnmal einen Kranz nieder. (Foto: Christine Roth)

    Ernst Grube, Holocaust-Überlebender der nach dem Tod von Max Mannheimer den Vorsitz der Lagergemeinschaft Dachau übernommen hat, protestierte gegen die menschenunwürdige Abschiebungspolitik, gegen Ausgrenzung, Militarismus, Terror und Krieg. Grube kritisierte, dass der durch die Verfassung garantierte Schutz zunehmend aufgekündigt werde und forderte auf, den im Grundgesetz stehenden Artikel eins: „Menschenrechte gelten für alle Menschen“ zu beherzigen.
    Neben der Erinnerung an die Befreiung des KZ-Dachau beschäftigten sich dieses Jahr alle Redner der Gedenkveranstaltung stärker als sonst mit den aktuellen politischen Ereignissen in Deutschland. Sie warnten vor aggressivem Nationalismus und vor den Entwicklungen am rechten Rand. Der Zeitzeuge und Todesmarsch-Überlebende Abba Naor (89), Vizepräsident des Comité International de Dachau (CID) hielt vor dem Todesmarschmahnmal an der Theodor-Heuss-Straße eine Rede. Er fragte sich, was er noch alles sagen soll – 72 Jahre danach. „Es ist schon so vieles gesagt worden“, erklärte er resigniert, „und doch ist der Antisemitismus wieder salonfähig geworden“. Daran habe er nie geglaubt.
    Matthias Jena, Vorsitzender des DGB Bayern, mahnte zur Bereitschaft aus der Vergangenheit zu lernen.

    „Vergesst nicht die Toten und vergesst nicht die Ursachen des Mordens“.

    Bericht und Fotos: Christine Roth


  • Ausstellungseröffnung im Hofer Museum (12.04.2017)

    Von der Partei zur „Gemeinde“

    „Flucht und Vertreibung“ ist seit fünf Jahren ein Hauptthema im Hofer Museum. Aktuell ist dazu eine Sonderschau über sudetendeutsche Sozialdemokraten zu sehen.
    Zur Eröffnung der Sonderschau über sudentendeutsche Sozialdemokraten im Museum Bayerisches Vogtland in Hof hat der in Hohenberg an der Eger lebende frühere Landtagsabgeordnete Albrecht Schlager gesprochen. Seit 2005 ist er Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde. Dabei handelt es sich um die 1951 gegründete Nachfolge-Organisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakischen Republik. Die Partei existierte von 1919 bis 1938, Josef Seiger war bis zu seinem frühen Tod 1920 ihr erster Vorsitzender, nach ihm ist die „Gemeinde“ benannt.

    Albrecht Schlager, Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde, im Gespräch mit Katrin Chrunsc, die in Schirnding den deutsch tschechischen Kindergarten „Fuchsbau“ leitet

    Die Ausstellung im Museum, die bereits seit 2014 auf Tour ist und von einem zweisprachigen Katalog begleitet wird, zeichnet den Weg von der DSAP zur Seliger-Gemeinde auf Schautafeln umfassend nach. Einen riesigen Erfolg verzeichnete die Partei der sudetendeutschen Sozial-demokratie bereits bei den Erstwahlen des tschechoslowakischen Parlaments im April 1920. Sie errang 44 Prozent der deutschen Stimmen und war mit diesem Anteil die stärkste sozial-demokratische Partei der Welt.
    1929 trat sie in die Regierung ein, ihr damaliger Vorsitzender Dr. Czech wurde Fürsorgeminister. Die DSAP wollte Gleichberechtigung der Deutschen im „Kunststaatgebilde Tschechoslowakei“, dessen Gründung die Siegermächte des Ersten Weltkriegs beschlossen hatten. Eindringlich warnte die Partei vor der Politik der Nationalsozialisten, die im September 1938 zum gewaltsamen Anschluss des Sudetenlandes ans Deutsche Reich führte und ein friedliches Miteinander der Volksgruppen im Lande unmöglich machte.
    Die DSAP wurde aufgelöst, mehr als 10.000 ihrer 80.000 Mitglieder wurden verhaftet, viele in Konzentrationslagern ermordet. Nach dem Krieg folgte die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei; über drei Millionen Menschen waren betroffen. Die Seliger Gemeinde setzt sich nun für die Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen und für eine verantwortungsbewusste sozialdemokratische Politik in der Mitte Europas ein.
    Auch in Hof gibt es eine Ortsgruppe der Seliger Gemeinde, die 2016 ihr 60-jähriges Bestehen feierte.
    Die Ausstellung läuft bis 25 Juni – Dienstag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr.

    Text und Foto: Frankenpost


  • Proklamation der Seliger-Gemeinde, Bundesversammlung in Bad Alexandersbad (30.10.2016)

    Einstimmig beschlossen die Delegierten aller Landesverbände und Auslandsorganisationen diese Europaproklamation am Sonntag, 30. Oktober 2016
    während der Bundesversammlung in Bad Alexandersbad:

    Proklamation der Seliger-Gemeinde auf ihrer Bundesversammlung
    am 30. Oktober 2016 in Bad Alexandersbad

    „Wir können und wir werden Europa schaffen!“
    (Willy Brandt, Rede vor dem Europäischen Parlament 1973)

    „Europa wird sein ein Bund freier Völker oder es wird nicht sein.“ In Anlehnung an eine Formulierung Josef Seligers für das Brünner Nationalitätenprogramm von 1899.

    „Ein Gespenst geht um in Europa.“ Längst überwunden geglaubte Phantasievorstellungen von Nationalökonomie, Intoleranz gegenüber Religionen oder verschiedene Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gewinnen an Zuspruch. Die europäischen Rechtspopulisten in Frankreich, Großbritannien, Ungarn, den Niederlanden, Belgien, Polen, Tschechien, Österreich oder Deutschland, um nur einige zu nennen, versprechen einfache Lösungen, die in der Vergangenheit mehrfach zu Katastrophen geführt haben.
    Die Frauen und Männer der Erlebnisgeneration, welche das Grauen des Zweiten Weltkrieges oder die Zeit der Not kurz danach noch selbst erlebt haben, warnen vor einem Wiederaufleben des Nationalismus in Europa. Die nachfolgenden Generationen haben Europa zusammenwachsen sehen und die Jüngsten unter uns kennen nur ein gemeinsames Europa ohne Grenzen und sehen darin eine hoffnungsvolle Zukunft.

    Politiker aller Parteien wie Kurt Schumacher, Konrad Adenauer, Bruno Kreisky, Olof Palme, Willy Brandt, Helmut Kohl, Helmut Schmidt oder Hans Dietrich Genscher, welche die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebt hatten, setzten alles daran, einen neuen Krieg durch ein vereintes Europa zu verhindern. Heute sehen wir mit Besorgnis, dass nachgeborene Politiker und Lobbyisten verschiedenster Interessengruppen wieder anfangen am „Gemeinsamen Haus Europa“ an allen Ecken und Enden zu zündeln.
    Wir halten es für unsere Pflicht, jetzt in einer Phase der europäischen Geschichte, wo immer weniger Zeitzeugen und Mahner unter uns sind, vor dem Zerfall Europas und den Schrecken des Krieges zu warnen.

    Wir treten ein für:
    • ein Europa der freien Völker in Freundschaft, Frieden und gutnachbarschaftlicher Zusammenarbeit,
    • den Schutz der Grundrechte und bürgerlichen Freiheiten der Bürger sowie der Meinungs-, Presse- und Glaubensfreiheit in Europa sowie das Recht auf Information,
    • für die Erhaltung des Friedens, für Abrüstung und für eine Armee allein zu Verteidigungszwecken,
    • die Stärkung des demokratisch gewählten Europaparlaments,
    • ein Europa ohne Diskriminierung, in dem Pluralismus, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern gelebt werden.

    Nie wieder Krieg!


  • Gedenkstein-Enthüllung am Geburtshaus von Volkmar Gabertin Dreihunken/Drahunky (Teplitz/Teplice) (22.09.2016)

    20160922_gedenkstein_gabert

     

    Volkmar Gabert

    11.03.1923 Dreihunken – 19.02.2003 Unterhaching

    Eisenflechter, aus sozialdemokratischer Familie stammend, bereits als Kind Mitglied des Arbeiter-Turn- und Sportverban-des und der Roten Falken, 1938 bis 1945 im Exil in Groß-britannien, im Exilvorstand der Treuegemeinschaft, nach 1945 in Bayern, 1950 bis 1958 Landesvorsitzender der Jung-sozialisten, 1950 bis 1979 Vorsitzender der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag, 1963 bis 1972 Landesvorsitzender der bayrischen SPD und Mitglied des Parteivorstandes, 1979 bis 1984 Abgeordneter im Europaparlament (MdEP), 1998 bis 2003 Mitglied im Verwaltungsrat des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, 1951 Mitgründer der Seliger-Gemeinde, Bundesvorsitzender von 1986 bis 2003.

    P r e s s e m i t t e i l u n g
    Gedenktafel für Volkmar Gabert enthüllt
    Landtagsvizepräsidentin Inge Aures: „Bedeutende Persönlichkeit der bayerischen SPD“

    v. li. nach re: Petr Pipal – Bürgermeister von Eichwald / Dubi,
    Inge Aures – Vizepräsidentin des Bayer. Landtags
    Peter Wesselowsky, Alt-OB von Ochsenfurt, Mitglied des Bundesvorstands der Seliger-Gemeinde

    Im tschechischen Dreihunken (Drahunky) bei Teplitz im Sudetenland ist am Geburtshaus von Volkmar Gabert eine Gedenktafel enthüllt worden. Gabert, der im Jahr 2003 verstorben ist, war von 1962 bis 1976 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag und von 1963 bis 1972 auch Landesvorsitzender der bayerischen SPD.
    Der gebürtige Sudetendeutsche hat sich große Verdienste um die Aussöhnung von Deutschen und Tschechen erworben. Die Initiative für das Anbringen und das Enthüllen der Gedenktafel ging vom früheren Wunsiedler Landtagsabgeordneten und Mitglied im Bundesvorstand der Seliger-Gemeinde, Albrecht Schläger, aus.

    Landtagsvizepräsidentin Inge Aures lobte Gabert in ihrer Rede als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der bayerischen SPD. „Volkmar Gabert hat die Verständigung zwischen Deutschland und Tschechien maßgeblich vorangetrieben. Er war in Tschechien und Bayern hochgeachtet. Seine Stimme hatte Gewicht. Er wurde gehört – bis hinauf in die Prager Burg von Staatspräsident Vaclav Havel“, so Inge Aures.
    Aures würdigte auch Gaberts Verdienste um die bayerische SPD. In dessen Zeit als Landesvorsitzender fielen die besten Ergebnisse bei Landtagswahlen (1962: 35,3 Prozent und 1966: 35,8 Prozent).
    Drei Jahre lang, von 1976 bis zu seinem Ausscheiden 1979, war Gabert Vizepräsident des Bayerischen Landtags. Von 1979 bis 1984 gehörte er dem Europäischen Parlament an. Volkmar Gabert war bis zu seinem Tod auch Ehrenvorsitzender der Seliger-Gemeinde.
    „Untrennbar verbunden mit seinem Namen ist sein hartnäckiger Einsatz.


  • Wenzel-Jaksch-Preis 2016: Dankesrede des Preisträgers Petr Vokrál

    Unsere Völker haben seit Jahrhunderten nebeneinander gelebt, in guten und in schlechten Zeiten. Wir haben einander geachtet und nachbarschaftliche und familiäre Beziehungen aufgebaut. Ungeachtet dessen, ob jemand Tscheche oder Deutscher war. Die Grauen des Zweiten Weltkrieges und die Ereignisse unmittelbar danach zerstörten für Jahrzehnte die zwischenmenschlichen Beziehungen und hinterließen Wunden, die zu heilen sind.
    Ich stehe hier aber nicht, um die Geschichte zu analysieren und schon gar nicht, um irgendjemandem irgendeine Schuld zuzuschieben. Was ich sagen will ist, dass es zu jeder Zeit außergewöhnliche Menschen gibt, die sich dem Zwang der Mehrheit nicht beugen und die bereit sind, auch um den Preis ihres eigenen Lebens, ihre Anschauung zu verteidigen. Ein solcher Mensch war auch Wenzel Jaksch. Ein Mann, der sich ein Leben lang bemühte, einen gemeinsamen Weg für unsere beiden Völker zu finden. Es ist eine große Ehre für mich, dass ich hier heute stehen darf, um seiner zu gedenken und aus vollem Herzen zu erklären, dass Tschechen und Deutsche für mich indes Freunde sind.
    20160618_wjp_rede_2016Heutzutage ist es mehr als offensichtlich, wenn wir in einem gemeinsamen und zusammenhaltenden Europa miteinander leben sollen, müssen wir Herausforderungen begegnen können, die sich aus der heutigen Weltlage ergeben. Dafür aber müssen wir Partner ohne gegenseitige Vorurteile sein mit Zuversicht und mit vollem Respekt. Leider scheint es mir zuweilen, dass uns, auf unserer Seite, 40 Jahre des demokratischen Reifeprozesses fehlen, wegen des Kommunismus. Dieses hat unsere Situation nicht vereinfacht und die Schritte zur Versöhnung auch verzögert. Umso mehr schätze ich die Anregungen junger, unbelasteter Menschen, die das gesamte Projekt des Jahres der Versöhnung mit Begeisterung umgesetzt haben. Dafür will ich ihnen von ganzem Herzen danken. Es ist nicht das Ziel von Veranstaltungen wie dem Jahr der Versöhnung, in alten Wunden zu stochern, ganz im Gegenteil. Viele Wunden wurden mit der Zeit geheilt, ein Unrechtsgefühl bleibt aber manchmal ein Leben lang präsent. Und dabei könnte vielleicht ein schlichter Ausdruck des Bedauerns zur Versöhnung genügen. Selbiges gilt wohl auch für ein kurzes: „Es tut mir leid!“ Wir wollen auf diese Weise zeigen, dass wir bereits gereift sind, wir begreifen, dass Gewalt keine Lösung ist und dass Rache kein einziges verlorenes Leben zurückbringt. Unsere Lösung, welche die letzten Wunden zwischen Tschechen und Deutschen endgültig heilen kann, ist die gemeinsame Zukunft voll Toleranz und Verständnis. Eine Zukunft, in der es keinen Platz für Rassismus, Extremismus und Hass gibt.
    Lassen sie mich mit einem herzlichen Dank an sie, die traditionelle Gesinnungsgemeinschaft der deutschen Sozialdemokraten in der Ersten Tschechoslowakischen Republik, schließen. Es ist mir eine große Ehre und eine hohe Würdigung, nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die ganze Stadt.

    Petr Vokrál


  • Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises, Bayerischer Landtag (18.06.2016)

    „Gemeinsame Zukunft voller Toleranz und Verständnis!“ Diese Worte des Brünner Oberbürgermeisters hätten als Überschrift über seinen Ausführungen anlässlich der Verleihung des diesjährigen Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises im Rahmen des Vertriebenenempfangs der BayernSPD am 18. Juni im Plenarsaal des Bayerischen Landtags in München stehen können. Primator Petr Vokrál hatte die Auszeichnung für seine und für die Bemühungen seiner Stadtratsfraktion erhalten, 70 Jahre nach dem schrecklichen Zwangsmarsch der deutschen Bevölkerung von Brünn an die österreichische Grenze einen Neuanfang in den gegenseitigen Beziehungen zu wagen und in einer Versöhnungserklärung zu dokumentieren. Es war die Absicht der SG und der Preisjury, das aufrichtige und in unserem Nachbarland noch immer schwierige und politisch riskante Engagement der Brünner politischen Führung für einen aufrichtigen deutsch-tschechischen Ausgleich zu würdigen und als Beispiel hinzustellen. Diese Bemühungen fanden große Unterstützung bei allen Anwesenden.
    In seiner Laudatio wies Martin Bachstein auch darauf hin, dass beide Völker grundsätzlich seit der neuen Ostpolitik Willy Brandts in den 70er Jahren in ihren Beziehungen „neben Rückschlägen doch insgesamt eine stetige Aufwärtsentwicklung verzeichnen“ konnten, dass aber zugleich noch immer viel Platz für Fortschritte vorhanden sei. Die Tschechische Republik beziehungsweise ihre Vorgängerin habe zwar nach 1945 keine deutschen Gebiete annektiert; sie habe aber als Reaktion auf die Zerstörung ihres Staates durch das Münch-ner Abkommen und auf die Okkupation durch Hitler-Deutschland mehr als zweieinhalb Millionen Deutsche auf teilweise grausame Art des Landes verwiesen und diesen Menschen die Heimat genommen. Zu den ersten Vertriebenen zählten schon 1938/1939 einige Tausend sudetendeutsche Sozialdemokraten, die für sich und ihren Familien vor allem in Skandinavien, Großbritannien und Kanada eine neue Heimat suchen mussten. Der Laudator erwähnte auch die besondere Rolle der mährisch-deutschen Abgeordneten und Funktionäre in der Geschichte der Sozialdemokratie, die als Austromarxisten den nationalen Gegensatz zwischen Tschechen und Deutschen oft weniger intensiv als die Bewohner Nordböhmens wahrnahmen und auch entsprechend politisch reagierten. Er meinte sogar, dass das Verhalten der Mehrheit der heutigen Brünner Gemeindevertretung und des Preisträgers der „besseren Tradition“ Mährens im deutsch-tschechi-schen Verhältnis entspreche.

    Die Preisübergabe (v.l.): Oberbürgermeister Petr Vokrál, Volkmar Halbleib, SPD-MdL, Dr. Helmut Eikam und Albrecht Schläger, SG-Bundesvorsitzende

    Bachstein dankte dem Stadtoberhaupt für das im vergangenen Jahr innerhalb weniger Wochen erstellte Jahresprogramm anlässlich der 70. Wiederkehr des Kriegsendes, das ausdrücklich die Auflage enthielt, „aller Opfer des Krieges und damit auch den Opfern der Vertreibung der Deutschen aus der Stadt“ zu gedenken. Und er dankte auch für die vor einem Jahr verabschiedete Erklärung der Stadtverwaltung und des Primators, die inhaltlich zum ersten Mal über die Entschuldigung Vacláv Havels von 1990 hinausreichte und die politische Verantwortung für die Ereignisse des Jahres 1945 übernahm sowie eine Bitte um Vergebung enthielt. Primator Vokrál habe sei-nerzeit „einen beispiellosen und einmaligen Akt politischer Reife und hoher Erinnerungskultur erbracht“, welcher das Motto der Ersten Republik vom Sieg der Wahrheit wieder einmal bestätigt habe.
    In seiner Dankesrede erinnerte Oberbürgermeister Vokrál daran, dass erst die schrecklichen Ereignisse vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg die im Grunde genommen insgesamt ausgeglichenen Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen schweren Belastungen ausgesetzt hätten. Begleitet vom starken Beifall der Anwesenden sprach der Preisträger von einer gemeinsamen Zukunft voller Toleranz und Verständnis. Die bedeutsame Rede des Brünner Primators ist nachstehend im Wortlaut wiedergegeben.

    Martin K. Bachstein


  • Böhmerwaldfahrt der SG München (09.–12.06.2016)

    Eine Linde für Wenzel Jaksch

    Die Jahresfahrten der Münchner SG-Gruppe erfreuen sich seit langer Zeit regen Zuspruchs aus allen Teilen Deutschlands. Nach dem Ausflug 2015 nach Reichenberg, der auch zum Geburtsort Josef Seligers führte und bei dem im Garten des Begegnungszentrums des Verbandes der Deutschen unter tatkräftiger Hilfe des stellvertretenden Bürgermeisters von Reichenberg eine Birnen-Quitte (Foto) gepflanzt wurde, die nach neuesten Informationen gut gedeiht, lenkte die Gruppe ihr diesjähriges Reiseinteresse vom 09. bis 12. Juni in den Böhmerwald. Waldemar Deischl und Peter Wesselowsky planten die viertägige Reise zu wichtigen Stätten des Böhmerwaldes, man könnte sie ihrer beeindruckenden Schönheit wegen auch Perlen nennen, die ihren Angelpunkt in Budweis suchte.
    Prachatitz wurde besucht, bevor die Gruppe mit über 30 Teilnehmern im Hotel Budweis Quartier aufschlug. Eine junge Einheimische führte durch die Stadt und öffnete die Augen für die noch gut erhaltene Stadtanlage. Im Galopp wurde am folgenden Tag Tabor mit seinem Hussitenmuseum durchquert. Man begegnete dem tschechischen Geschichtsbewusstsein mit dem Verbrennungsopfer Jan Hus, den Schlachten-Diarahmen über die Hussitenkriege, einem Gemälde und persönlichen Gegenständen von František Palacký, aber auch der eigentümlichen Turmuhr von Tabor mit nur einem Zeiger und einem umlaufenden 24-Stunden-Ziffernblatt. Dann ging es weiter nach Wittingau, eine tschechisch geprägte Stadt mit ihrer Teich-Welt, aus der die besten Karpfen Tschechiens kommen sollen. Zurück in Budweis, wo der Bahnhof noch Habsburgisches Flair vermittelt, die Nähe Österreichs spürbar ist und in den Kneipen noch fast selbstverständlich auch deutsch gesprochen wird, bereitete sich die Gruppe auf den kommenden Tag vor.
    20160609_sg_boehmerwald_1Am Samstag ging es dann nach Langstrobnitz, dem Geburtsort von Wenzel Jaksch. Zur Einstimmung erklang die Stimme des sudetendeutschen Sozialdemokraten – Aufnahmen aus den Tagen in Prag und Wiesbaden; seine bisher unveröffentlichten, Torso gebliebenen Lebenserinnerungen wurden gelesen. In Krummau stießen etwa zehn Heimatverbliebene unter der Leitung von Emma Marx, der Vorsitzenden des Böhmerwaldvereins, zur Münchner Gruppe. Über Strobnitz, wo Jaksch bis zum Frühjahr 1910 zur Schule ging, kaum acht Jahre lernen durfte, wo noch heute ein großes Schulgebäude (škola) von 1929 bei damals wenigen tschechischen Kindern von einer eher verfehlten Minderheitenpolitik zeugt, bogen wir ins enge Tal von Langstrobnitz ein. Am Standort des Jaksch-Hauses breitet sich heute eine Wiese aus, steht ein Hochspannungsmast. An der alten Brücke warteten die Vertreter der Gemeinde auf uns. Das Grundstück an der Straße vor dem Bächlein Strobnitz war gemäht, die Sträucher waren geschnitten, um einem neuen Baum Licht und Luft zu lassen. In einer kurzen Ansprache würdigte Peter Wesselowsky Wenzel Jaksch. Dann verlas Waldemar Deischl die Worte der SG-Ehrenvorsitzenden. Olga Sippl schrieb unter anderem: Lieber Freund Wenzel Jaksch, möge dieses Bäumchen, das wir, Deine Heimat- und Gesinnungsfreunde, zum Gedenken an Dich pflanzen, mit seinen Wurzeln aus der Heimaterde jene Kraft schöpfen, die Dich geprägt hatte. Möge es grünen und Stürmen widerstehen. Wir danken Ihnen, verehrte Verantwortliche der Politik, liebe Bürgerinnen und Bürger, dass Sie uns dies ermöglichen! Sie dokumentieren damit, dass Frieden und Zusammenarbeit zwar von der sogenannten Großen Politik beschlossen und verkündet wird, die Verwirklichung ist aber nur er-folgreich, wenn wir, das Volk, dies tun. So sind wir Ihnen und Euch, obwohl wir uns erst heute begegnen, in Freundschaft an der Arbeit für den Frieden auch in Zukunft verbunden!

    Waldemar Deischl, Emma Marx, Peter Wesselowsky, Hana Valentová und František Venecek, Fotos: U. Miksch
    Waldemar Deischl, Emma Marx, Peter Wesselowsky, Hana Valentová und František Venecek, Fotos: U. Miksch

    Die beiden Gemeindevertreter, der Vizebürgermeister von Dlouhá Stropnice František Vanecek und die Gemeinderätin Hana Valentová, ergriffen ihrerseits das Wort und verlasen faktisch in tschechischer Sprache unsere Würdigung der Person Wenzel Jakschs. Dann ging es ans Einpflanzen der in einem Topf wartenden Linde. Deutsche und Tschechen ergriffen die Schaufel, und bald war der Baum gesetzt. Es ging einem schon nahe, dass Wenzel Jaksch, der sein Elternhaus immer mit sich trug in Erinnerung oder als Foto und der nach seiner Flucht im März 1939 nie mehr wieder böhmischen Boden betreten durfte, 50 Jahre nach seinem Tode symbolisch in dieser würdigen Feierstunde zurückgekehrt ist.
    Einige hundert Meter in Richtung österreichische Grenze warteten auf der Terrasse der von der Gemeinde betriebenen Kegelbahn gegrillte Wurst, Bier, Gebäck und Kaffee auf die Teilnehmer/innen. Emma Marx und die Ortsvorsteherin von Horní Stropnice, das heute nur noch 50 Einwohner zählt, haben unseren herzlichen Dank verdient für ihre Arbeit zum Gelingen der Baumpflanzung. An der Wallfahrtskirche Maria Trost in Brünnl, die eine heilige Wasserquelle fasst und seit 2015 wieder in renoviertem Glanz erstrahlt, die Wenzel Jaksch immer sah, wenn er hinter seinem Elternhaus in die Landschaft schaute, trennten sich unsere Wege. Wir fuhren zurück nach Krummau, 2015 UNESCO-Weltkulturerbe, um die heimatverbliebenen Teilnehmer/innen zurückzubringen, aber auch, um einen schönen Spaziergang von der Höhe bis zur Moldauschleife zu ma-chen – durch Garten, Schloss und Stadt.

    An der Stelle des Strommastes stand das Geburtshaus von Wenzel Jaksch, Foto: Thomas Oellermann
    An der Stelle des Strommastes stand das Geburtshaus von Wenzel Jaksch, Foto: Thomas Oellermann

    Die Rückfahrt am nächsten Tag ließ die Gruppe noch einiges Sehenswertes streifen: Die Zisterzienser-Abtei Hohenfurth, an der Moldau gelegen, die früher einen ausgedehnten kirchlichen Einfluss auch auf die Strobnitzer Kirche ausübte, ließ die Besucher staunen; die Fahrt an der Moldau entlang veranlasste Peter Wesselowsky, Smetanas Moldau aufzulegen; das Durchfahren der Ferienkolonien am Lipno-Stausee; das Geburtshaus von Adalbert Stifter in Oberplan; der Abstecher in das kleine Städtchen Winterberg zum letzten Mittagessen nach böhmischer Art. Der Böhmerwald, dessen Lied nicht nur einmal aus vielen Kehlen im Bus erklang, hat den Teilnehmern neben der politisch einmaligen Baumpflanzaktion zum Gedenken an Wenzel Jaksch auch die Perlen erkennen lassen, die in dieser Landschaft am Dreiländereck zu finden sind.

    Ulrich Miksch


  • Vortragsveranstaltung beim Sudetendeutschen Tag in Nürnberg (14.05.2016)

    Unter dem Motto „Die deutsch-tschechischen Beziehungen – Gestern – heute – morgen“ stand unsere diesjährige Vortragsveranstaltung, für die Volkmar Halbleib, SPD-MdL und vertriebenenpolitischer Sprecher der BayernSPD-Landtagsfraktion, als Redner gewonnen werden konnte. Albrecht Schläger, Ko-Vorsitzender der SG, begrüßte unter den zahlreichen Gästen Christa Naaß, Generalsekretärin des Sudetendeutschen Rates, Peter Barton, Vertreter des SL-Büros in Prag, Hanna Zakhari, Preisträgerin des vorjährigen Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises, und Dr. Peter Becher, Geschäftsführer des Adalbert-Stifter-Vereins, um nur einige zu nennen.
    In seiner Einführungsrede wies Dr. Helmut Eikam, Ko-Vorsitzender der SG, auf das Wirken der DSAP in der Ersten Tschechoslowakischen Republik hin. Der mutige Appell von Wenzel Jaksch “Mitbürger! Es geht um alles!“ habe die Sudetendeutschen bereits im September 1938 vor der Kriegsgefahr durch Hitler und dem Irrweg der Henlein-Partei gewarnt. Er erinnerte an die Verfolgung der Sozialdemokraten durch die Nationalsozialisten und die Vertreibung aus der Heimat. Die 1951 gegründete SG als Treugemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten verabschiedete 1998 die Brannenburger Thesen, die die „Bereitschaft zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und das Verständnis für die Empfindlichkeit der anderen Seite“ einfordern.
    Volkmar Halbleib wies auf die schwierigen deutsch-tschechischen Beziehungen hin, die vor allem von 1948 bis 1968 eine Zeit der Nichtbeziehungen waren. „Die politische Last der Jahre 1938 bis 1946, angefangen mit dem diktatorischen Münchner Abkommen, der Abtrennung des Sudetenlandes, die Besetzung der Tschechoslowakei, die Gewaltherrschaft durch deutsche Truppen, den Blutzoll des Zweiten Weltkrieges, die Gewalt gegenüber den Deutschen nach der Kapitulation und die massenhaften Vertreibungen, Enteignungen, Ausbürgerungen der deutschen Bevölkerung aus dem tschechischen Staatsgebiet prägten das gegenseitige Verhältnis.“ Die sudetendeutsche Seite habe die eigene Schuld verdrängt, die tschechische Seite sei blind für das Leiden durch die Vertreibung gewesen und habe die Kollektivschuld-Strafe vertreten.

    Albrecht Schläger, Peter Kögler, Otto Kögler Foto: Renate Slawik
    Albrecht Schläger, Peter Kögler, Otto Kögler
    Foto: Renate Slawik

    Die Jahre von 1968 bis 1989 seien durch den Prager Frühling und die Samtene Revolution geprägt gewesen. Die Niederschlagung des Prager Frühlings sei ein wichtiger Wendepunkt gewesen, in dessen Folge von tschechischer Seite die Vertreibung der Deutschen kritischer beurteilt worden sei. Mit dem Deutsch-Tschechischen Nachbarschaftsvertrag von 1972 und der Deutsch-Tschechischen Erklärung 1997 wurde das nachbarschaftliche Verhältnis weiter verbessert und die Grundlagen für die Aufarbeitung der Vergangenheit gelegt. Die deutsch-tschechischen Beziehungen seien heute so gut wie nie zuvor. Eine unbestreitbare Vorreiterrolle für die Verbesserung des Verhältnisses habe die bayerische SPD eingenommen. Ohne die regelmäßigen Besuche seit Anfang der 90-er Jahre von politischen Persönlichkeiten der SPD wären die Reisen des bayerischen Ministerpräsidenten 2010, 2011 und 2014 so nicht möglich gewesen. Die von der CSU 2009 noch strikt abgelehnte Bayerische Vertretung in Prag werde heute als Schaufenster Bayerns gefeiert. Dennoch bleibe in der Zukunft noch viel zu tun: Der gesellschaftliche und der politische Dialog müssen verbreitert, die Verkehrsinfrastruktur könne auf bayerischer Seite verbessert werden; Bürgerkontakte und Partnerschaften seien zu intensivieren und insbesondere Schulpartnerschaften und Jugendbegegnungen zu fördern.

    Albrecht Schläger, Volkmar Halbleib, Dr. Helmut Eikam
    Albrecht Schläger, Volkmar Halbleib, Dr. Helmut Eikam

    Halbleib forderte, dass die Herausforderungen der Geschichte für eine gemeinsame Zukunft angenommen werden müssten. Dazu gehöre die kritische Auseinandersetzung der Sudetendeutschen und der Tschechen mit der jeweils eigenen Geschichte. Er bat beide Seiten, das Motto des diesjährigen Sudetendeutschen Tages Dialog verpflichtet ernst zu nehmen. Und „die ganz schweren Brocken aus der wechselseitig leidvollen gemeinsamen Geschichte zur Seite zu räumen. Er sei zuversichtlich, dass „dies noch in einer Zeit gelingt, in der die Erlebnisgeneration die Wiedergutmachung in den Seelen noch erfahren kann.“ Seinen interessanten Ausführungen, für die er viel Applaus erntete, schloss sich eine lebhafte Diskussion an.

    Waldemar Deischl


  • Ausstellung gegen das Vergessen in Cheb/Eger (02.05.–03.06.2016)

    „Tausende Sozialdemokraten mussten während der NS-Herrschaft ins Exil fliehen oder wurden im KZ ermordet. Angesichts bisweilen undifferenzierter öffentlicher Diskussionen über Widerstand, Flucht und Vertreibung ist die Erinnerung an sie auch heute, 71 Jahre nach Kriegsende, wertvoll und wichtig“, so Albrecht Schläger. Eindringlich geschieht dies in der zweisprachigen Ausstellung Die sudetendeutschen Sozialdemokraten – Von der DSAP zur Seliger-Gemeinde (SG) über Flucht und Vertreibung, aber auch über Aussöhnung und Zusammenhalt. 40 Tafeln dokumentieren in Wort und Bild den Werdegang der 1919 gegründeten Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei (DSAP), aus der1939 in Zeiten der NS-Diktatur die Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten im Exil und 1951 die SG entstand.

    Petr Navrátil, Albrecht Schläger, Dr. Birgit Seelbinder, Miroslav Nenutil, stv. Landrat Roland Schöffel
    Petr Navrátil, Albrecht Schläger, Dr. Birgit Seelbinder, Miroslav Nenutil, stv. Landrat Roland Schöffel

    In seinem Rathaus begrüßte Oberbürgermeister Petr Navrátil am 02. Mai die Gäste zur Eröffnung der Ausstellung. Der Ko-Bundesvorsitzende der SG, Albrecht Schläger, erinnerte an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der Josef Seliger das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen im neuen tschechoslowakischen Staat eingefordert habe. Die Ausstellung zeige die Höhen und Tiefen in der Ersten Tschechoslowakischen Republik von 1918 bis 1939. Interessant sei der Kampf unter den Parteivorsitzenden Dr. Ludwig Czech und Wenzel Jaksch gegen den aufkommenden Nationalsozialismus gewesen. Albrecht Schläger: „Wenzel Jaksch warnte wiederholt mit eindringlichen Worten im Prager Rundfunk und in schriftlichen und mündlichen Aufrufen vor Hitler. Aber die Menschen waren verblendet und wählten 1935 mit großer Mehrheit die Partei Henleins, den Wegbereiter der Nationalsozialisten.“ Von den 80.000 Mitgliedern der DSAP kamen 10.000 in Konzentrationslager oder flohen ins Exil.

    Nach dem Krieg teilten die sudetendeutschen Sozialdemokraten das Schicksal ihrer drei Millionen Landsleute. Sie bauten vor allem in Bayern das zerstörte Land mit auf und hatten einen hohen Anteil an dem von der Welt bestaunten Wirtschaftswunder. Einer der bekanntesten Vertreter war Volkmar Gabert, unter dessen Führung die SPD in Bayern ihre größten Erfolge erreichte: zum Beispiel 36 Prozent bei der Landtagswahl 1966.

    Albrecht Schläger hob in seinem Vortrag vor allem die drei tschechischen Ministerpräsidenten Jirí Paroubek, Petr Necas und Bohuslav Sobotka hervor, die die Vertreibung bedauerten.
    Bemerkens- und lobenswert bezeichnete Dr. Birgit Seelbinder, Präsidentin der Euregio Egrensis, die Ausstellung. Noch vor fünf Jahren wäre das nicht denkbar gewesen. Senator Miroslav Nenutil dankte der SG für die Erarbeitung der Ausstellung. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten hätten eine lange Tradition, die es zu erhalten gelte und die in der SG weiterlebe. Albrecht Schläger bedankte sich bei Oberbürgermeister Petr Navrátil und Stadtrat Michal Pospíšil, die die Ausstellung möglich gemacht haben.

    Manfred Häcker (Text und Foto)