• Volkmar Gabert – Zum 15. Todestag des SPD-Politikers und Karlspreisträgers am 19. Februar (Sudetendeutsche Zeitung Folge 9 | 02.03.2018)

    Martin K. Bachstein gedenkt des am 11. März 1923 in Dreihunken im späteren Kreis Teplitz- Schönau geborenen Landsmannes und führenden bayerischen SPD-Politikers.

    Volkmar Gabert war in erster Linie Sozialdemokrat, langjähriger Landeschef und Abgeordneter seiner Partei, aber er stand auch von 1986 bis zu seinem Tod der Seliger-Gemeinde vor. Von seinen Vorgängern in diesem Amt stand Wenzel Jaksch als Präsident der Sudetendeutschen Bundesversammlung ihm am nächsten. Dessen Nachfolger Ernst Paul und Adolf Hasenöhrl hatten vor allem aufgrund der deutschen Politik gegenüber den damals kommunistischen Staaten Ostmitteleuropas ein distanzierteres Verhältnis; aber Gabert verstand ungeachtet seiner hohen Positionen innerhalb seiner Partei, diesen Abstand aufgrund seiner menschlichen Qualitäten zu überwinden und erwies da- mit der Einheit der Sudetendeut- schen Volksgruppe große Dienste. Dafür erhielt er 1997 den Karlspreis der Landsmannschaft.
    Sein Interesse an und seine politische Unterstützung der Schaffung eines europäischen Volksgruppenrechtes waren nicht nur ein Ergebnis seiner Erfahrungen als Vertriebener, sondern auch ein Indiz seines grundsätzlichen Glaubens an die Notwendigkeit von Fairneß in der Behandlung nationaler Minderheiten. Aus ähnlichen Gründen beteiligte er sich nach 1998 – ungeachtet seiner bereits fortgeschrittenen schweren Erkrankung – auch als Mitglied des Verwaltungsrates an den umfangreichen Aufgaben des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.
    Gabert entstammt einer alten nordböhmischen sozialdemokratischen Familie. Sein Vater, Oberlehrer in einem dörflichen Vorort von Teplitz-Schönau, war seinen vier Kindern ein Beispiel an sozialdemokratischer Loyalität, aber er war auch ein Kritiker der ungerechten Politik gegenüber den Deutschen in der Ersten Republik. Selbstverständlich ordnete sich Volkmar wie seine Geschwister in die damals lebensumfassenden Organisationen der Arbeiterbewegung ein. Er war bei den Roten Falken, der Sozialistischen Arbeiterjugend, den sozialdemokratischen Naturfreunde und dem Arbeiter-Turn- und Sportbund. Dies war nicht nur Zeitvertreib, sondern politischer Lebensinhalt und Vorbereitung auf sein Leben als Erwachsener.
    1938 war er 15 Jahre alt, als er mit seiner Familie nach England ins Exil mußte. Sein Vater und sein ältester Bruder waren als sozialdemokratische Funktionäre hochgefährdet, so daß die Familie nicht im zunächst als sicher geltenden Prag bleiben konnte, wohin sie aus Nordböhmen geflüchtet waren.

    Zu Volkmar Gabelst 15. Todestag legten Mathilde Pollak und Renate Slawik im Namen der Seliger-Gemeinde Blumen ans Grab im oberbayerischen Unterhaching.

    Er mußte deshalb bereits in früher Jugend arbeiten, in der Landwirtschaft, auf dem Bau und als Dreher in der metallverarbeitenden Industrie, am Abend bald als Vorsitzender einer Jugendgruppe der Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in London und später als kooptiertes Mitglied des Vorstandes der von Wenzel Jaksch geleiteten Exilorganisation. Diese Erfahrungen, verstärkt durch Schulungen der Fabian Society in der Labour Party, und die Aus- einandersetzungen Jakschs mit der Exilregierung Edvard Benešs wegen dessen Vertreibungspolitik beeinflußten seine spätere politische Haltung entscheidend – nicht nur gesellschaftspolitisch oder das deutsch-tschechische Verhältnis betreffend, sondern auch hinsichtlich seines Eintretens für die Integration Europas.
    Nach Kriegsende, als die Rückkehr aus dem Exil lange nicht möglich war, wurde Volkmar Gabert 1946 politisch unbelasteter Übersetzer bei der USA-Besatzungsmacht in München. Als einer der ersten Sudetendeutschen im Westen nahm er Berichte über Verfolgung und Vertreibung der Landsleute entgegen und leitete sie nach England an Jaksch weiter. Gabert war auch eine der ersten Kontaktpersonen in München, welchen Emissäre wie Emil Werner von der gescheiterten Wiedergründung der DSAP in der Heimat und der antideutschen Haltung der dortigen Behörden berichteten. 1948, als auch die Neubürger sich am politischen Leben beteiligten, wurde er Vorsitzender der Jusos in München. 1950 kam er in den Landtag, dem er bis 1979 angehörte. 1962 bis 1976 führte er die SPD-Landtagsfraktion, von 1963 bis 1972 war er SPD-Landesvorsitzender. 1962 und 1966 erzielte er mit 35,3 und 35,8 Prozent bisher nicht wieder erreichte Ergebnisse für seine Partei. 1964 bis 1979 war er Mitglied des SPD-Bundesvorstandes, ab 1979 für eine Wahlperiode Europaabgeordneter. 1971 bis 1988 war er Geschäftsführender Vorsitzender die Arbeitsgemeinschaft demokratischer Sozialisten im Alpenraum und 1971 bis 1989 Vorsitzender der SPD-Bildungseinrichtung Georg-von-Vollmar-Akademie.
    Gabert war eine Herausforderung für seine eher konservativen Landsleute. Daß er dennoch gute und oft freundschaftliche Verbindungen zu ihnen hatte, lag an seiner ausgleichenden und selten polemischen Persönlichkeit. Wir erinnern uns an ausführliche Gespräche Gaberts mit Franz Neubauer und Johann Böhm in Brannenburg und bei Sitzungen des Sudetendeutschen Rates, welchem er viele Jahre an prominenter Stelle angehörte.
    Die politische und humanistischen Grundhaltung bestimmte seine Haltung gegenüber den Tschechen. Er war nicht begeistert von der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997, weil sie die Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit belaste. Er stellte sich dennoch den Heraus- forderungen im Verwaltungsrat des Zukunftsfonds, weil er mehr an die Zukunft als an die Vergangenheit glaubte. Die gute Entwicklung des deutsch-tschechischen Verhältnisses in den vergangenen Jahren bestätigt seine Haltung.


  • Jahresseminar der Seliger-Gemeinde in Bad Alexandersbad

    Einladung nach Brünn

    Das letzte Oktoberwochenende mit dem Wechsel zur Winterzeit war heuer erneut der Zeitpunkt für das Jahresseminar der Seliger-Gemeinde im sich neu erfindenden oberfränkischen Kurort Bad Alexandersbad. Im dortigen Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum kamen weit über hundert Teilnehmer aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Österreich und Schweden zusammen, um über die „deutsch-tschechische Zusammenarbeit und ihre Auswirkungen auf Europa“ zu diskutieren und turnusmäßige Wahlen abzuhalten. Die Führungsmannschaft wurde für weitere zwei Jahre bestätigt – bei Verjüngung einiger Funktionsträger.

    Zwei der prominenten Gäste der Seliger-Gemeinde: Heidrun Piwernetz, Regierungspräsidentin von Oberfranken und SL-Mitglied…

    Der inhaltliche Reigen begann bereits am Freitagabend, an dem der 90jährige Adam Stupp an den noch von ihm gekannten Maler, Grafiker und ersten Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreisträger von 1968, Georg Hans Trapp (1900–1977), erinnerte. Trapp, der 1900 in Eichwald zur Welt kam, besuchte die k. u. k. Fachschule für Keramik und verwandte Kunstgewerbe in Teplitz-Schönau, die er aber wegen des Todes seines Vaters ohne Abschluß vorzeitig verlassen mußte. Auf Wanderschaft lernte er später in Rom und Wien bei berühmten Professoren und ließ sich in Teplitz-Schönau als freischaffender Grafiker mit eigenem Atelier nieder. Beschäftigt als Bühnenmaler am dortigen Stadttheater, trat er bald auch als Schauspieler und Sänger dort auf. In der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) engagiert und prägend in den Publikationen der Partei, floh er 1938 nach Norwegen, wurde aber nach der Besetzung Norwegens von der Wehrmacht als Flüchtling erkannt und schließlich ins KZ Hersbruck bei Nürnberg gebracht. Den Todesmarsch kurz vor Kriegsende von Hersbruck nach Dachau überlebten nur zwei von 600, einer war Georg Hans Trapp.

    … sowie Dr. Libor Roucek (CSSD), ehemaliger Vizepräsident des Europäischen Parlaments.

    Zurückgekehrt nach Teplitz-Schönau entschied er sich, das Schicksal seiner Landsleute zu teilen, und verließ seine Heimat, ging Ende 1945 nach Schweden und ließ sich in Gränna am Wetternsee nieder, wo ihn Adam Stupp, der in Schweden studierte, kennenlernte. 40 Jahre nach seinem Tod in Schweden erinnerte Stupp, aber auch andere wie Präsidiumsmitglied Helmut Letfuß, an den begabten Maler und Graphiker. Letfuß erzählte, daß ihn von Trapp jedes Jahr ein Druck erreicht habe. Für alle Seminarteilnehmer neu waren allerdings die von Thomas Oellermann fotografierten Karikaturen und Illustrationen aus den DSAP-Publikationen der zwanziger und dreißiger Jahre, die als Diashow an eine Leinwand projiziert wurden – darunter auch ein aus dem Ei gepellter Adolf Hitler.
    Am Samstag sprachen dann die Regierungspräsidentin von Oberfranken, Heidrun Piwernetz, der Vorsitzende des Deutsch- Tschechischen Gesprächsforums Libor Roucek, die tschechische Generalkonsulin in München, Kristina Larischová, der Abgesandte des Brünner Oberbürgermeisters Petr Vokrál und Initiator des Brünner Gedenkmarsches, Jaroslav Ostrcilík, der Sprecher der Sudentendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, und der Sekretär des Klubs der für die CSSD gewählten Bürgermeister und Oberbürgermeister, Petr Schlesinger.

    Adam Stupp spricht über Georg Hans Trapp (Selbstporträt im Hintergrund).

    Während Oberfrankens höchste Frau vor allem die bayerisch-tschechischen Projekte beleuchtete und von der 20jährigen Kärrnernerarbeit berichtete, die von 2023 an auch im bayerisch-tschechischen Grenzraum in etwa zehnwöchigen Freundschaftswochen erstmals in der Region um Selb und Asch münden sollen, berichtete Roucek von den deutsch-tschechischen Beziehungen, die vor 20 Jahren die deutsch-tschechische Erklärung hervorgebracht habe, die im Deutschen Bundestag nur vier Stunden diskutiert worden sei, im tschechischen Parlament dagegen vier Tage lang, und die nur 131 Ja-Stimmen bei 59 Gegenstimmen vor allem von Kommunisten und rechtsextremen Parteien erhalten habe. Eine schwierige Verlautbarung, die nach Rouceks Einschätzung indes wesentliche Verbesserungen in den Beziehungen zur Folge hatte. So sei etwa vor zwei Jahren der strategische Regierungsdialog eingeführt worden. Aber wie überall gebe es Verbesserungsmöglichkeiten. In der Tschechischen Republik gebe es zu wenige Bemühungen, um das Erlernen der deutschen Sprache zu verbessern – Lehrlinge und Studenten selbst im Grenzgebiet fänden nicht zur Sprache der Nachbarn. „Und wo bleibt eigentlich die Schnellzugverbindung zwischen München und Prag?“

    Albrecht Schläger mit Trapp-Karikatur.

    Roucek nahm aber auch Stellung zum Wahlausgang in seinem Heimatland. „Der Tschechischen Republik geht es gut, aber die Leute sind unzufrieden, weil sie sich grundsätzlich nicht mit Polen oder der Slowakei vergleichen, sondern immer mit Deutschland und Österreich.“ Andrej Babiš sei zwar reicher als Donald Trump, aber bei weitem nicht so radikal wie dieser. Er sei kein Anti-Europäer oder Anti-Deutscher, auch kein Nationalist, vielmehr ein Slowake in Böhmen. Kein christlich-Konservativer, sondern ein ehrgeiziger Pragmatiker. Werde es eine ANO-geführte Regierung geben? Ja, vielleicht als Minderheitsregierung. Schlimm sei das Abschneiden seiner Partei, der CSSD, die noch vor vier Jahren so erfolgreiche gewesen sei. Zwar sei 1992 das Ergebnis noch schlechter gewesen (6,5 Prozent), aber damals habe man 16 Abgeordnete, nicht nur 15, gehabt, und es sei eine Zeit des Aufbruchs gewesen. Heute regiere der Pessimismus. Die CSSD sei keine progressive Partei. „20 Jahre lang hat es irgendwie funktioniert, man mußte sich nicht um die Wählerschaft kümmern, alle haben sich nur um den Machterhalt gekümmert. Klientelismus und Korruption regierten.“

    Bernd Posselt

    Was bedeutet das Wahlergebnis mit einem partiellen Rechtsruck durch die mehr als zehn Prozent für die SPD – Tomio Okamuras „Partei der direkten Demokratie“ – für die deutschtschechischen Beziehungen? „In Zukunft wird es schwieriger als bisher. Persönliche Netzwerke werden wohl stärker werden müssen.“
    Generalkonsulin Larischová bekundete: „Wir leben in einer sehr guten Periode der Beziehungen, was aber keine Selbstverständlichkeit ist.“ Im Lichte der schwierigen innenpolitischen Lage müsse man behutsam sein, damit das hohe Niveau erhalten bleibe. Sie dankte der Seliger- Gemeinde für ihr immerwährendes Eintreten für ein friedliches Europa.

    Jaroslav Ostrcilík

    Ostrcilík überbrachte die Grüße des Brünner Oberbürgermeisters und lud zum Versöhnungsmarsch von Pohrlitz nach Brünn im kommenden Jahr ein. Darüber hinaus werde es im Sommer mehrere Wochen lang Veranstaltungen über das Umbruchsjahr 1918 geben. Sein Vorschlag sei ein baldiger Sudetendeutscher Tag in Brünn. Im nächsten Jahr könne man schon mal proben, indem man beim Rahmenprogramm von „Meeting Brno“ Stände aufbaue, an denen sich sudetendeutsche Organisationen präsentieren könnten. Auch die Seliger-Gemeinde sei herzlich eingeladen.

    Kristina Larischová

    Diese Einladung erwiderte Bernd Posselt grundsätzlich positiv. Er erinnerte an die Resolution der SG, die auch der Sudetendeutsche Rat gleichlautend verabschiedet habe. 1867 habe man in Österreich-Ungarn beschlossen, so Posselt in seinem historischen Exkurs, daß alle Volksstämme des Reiches gleichberechtigt seien. Dieser Gedanke, der auch damals keine vollständige Durchsetzung erfahren habe, sei der Kern für ein Minderheiten- und Volksgruppenrecht auf europäischer Ebene, um das es zu kämpfen lohne (Ý Seite 1). Petr Schlesinger informierte detailliert über kommunale Probleme in der Tschechischen Republik. Eine Kommunalreform sei dringend erforderlich, die im Wahlkampf aber niemand gefordert habe. Seine Organisation, die 2011 auch als Reaktion auf das Aufkommen der Partei der Bürgermeister (STAN) aus der Taufe gehoben worden sei, verbinde mehr als 300 hauptamtliche Bürgermeister im Lande, die der CSSD angehörten. Nach dem Wahlausgang hege er aber erhebliche Zweifel, ob sich die Partei diese Organisation noch leisten werde.

    Petr Schlesinger

    Am Abend wurde der Film „Kugel für Heydrich“ aus der Reihe des Tschechischen Fernsehens „Das tschechische Jahrhundert“ mit deutschen Untertiteln gezeigt. Darin spielt der deutsche Schauspieler und Sänger Hartmut Krug den im Exil in London agierenden Wenzel Jaksch. Auch seine differenzierte Spielweise bot neben dem Szenario, das die dramatische Lage der sudetendeutschen Sozialdemokraten zwischen allen Stühlen ergreifend schildert, die Grundlage dafür, daß sich das durch Propaganda gezeichnete Bild Wenzel Jakschs in der tschechischen Gesellschaft gerade verändert. In einem Gespräch schilderte Krug seine Herangehensweise an die Figur Jaksch. In einer Einlassung am Beginn erzählt er von einer Freundin in Jugendtagen, die aus einer sudetendeutschen Familie gekommen und nach Thüringen vertrieben worden sei. Das Wissen um das Schicksal dieser Menschen habe ihn bewogen, das Filmangebot anzunehmen. Er habe Wenzel Jaksch nicht gekannt, aber das Schicksal der Sudetendeutschen.

    Karl Willi Beck

    Am Sonntag kam der seit 1. Mai 2003 amtierende Bürgermeister von Wunsiedel zu Wort. Karl Willi Beck informierte über den „Wunsiedler Weg“ im Umgang mit Rechtsradikalen aus Portugal bis Polen, die das Grab von Rudolf Heß seit Ende der achtziger Jahre magisch anzieht. Der CSU-Bürgermeister erklärte die Position der Stadt, diese Aufmärsche nicht mehr zu ignorieren. Seit Jahren arbeite Wunsiedel aktiv gegen Neonazis und Rechtspopulismus. Aber auch er, so Beck, müsse seit der Bundestagswahl mit fast 20 Prozent AfD-Wählern leben. Man werde sich dieser neuen Entwicklung stellen müssen. Am Schluß der Jahrestagung meldete sich die ehemalige österreichische Nationalratsabgeordnete Marianne Hagenhofer zu Wort. Dieses Seminar sei eine ganz wichtige Bildungsveranstaltung für sie gewesen. Sie sei seit fünf Jahren bei der Seliger- Gemeinde und nehme sehr viel mit. In der SPÖ wisse man ja kaum noch etwas über diese historischen Fakten.
    Einige Seminarteilnehmer blieben nach dem Seminar in Bad Alexandersbad und testeten die gerade neu installierten Kureinrichtungen.

     

    Fotos und Text: Ulrich Miksch

    Die Ko-Vorsitzenden Albrecht Schläger und Dr. Helmut Eikam überreichen dem Vertriebenenpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag, Volkmar Halbleib (Mitte), eine Dankurkunde.
    Blick ins Plenum des Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrums: vorne links Inge Aures, Vizepräsidentin des Bayerischen Landtages, und Dr. Birgit Seelbinder, Präsidentin der Euregio Egrensis.

     


  • Erinnerung an Richard Reitzner (31.05.2017)

    Seliger-Gemeinde zu Gast bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft

    An Richard Reitzner, einen unermüdlichen Kämpfer für die Belange der Vertriebenen, erinnerte der Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde e.V. Albrecht Schläger bei einer Veranstaltung der Sudetendeutschen Landsmannschaft im Gasthaus Aschenberger.
    Reitzner, 1893 in Einsiedel bei Marienbad geboren, nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und schloss sich 1920 der Arbeiterbewegung an. Im „Dritten Reich“ kamen über 20 000 sudetendeutsche Sozialdemokraten in Zuchthäuser und Konzentrationslager. Reitzner hatte im Herbst 1938 mit seiner Familie noch nach Großbritannien auswandern können, wo er mit Wenzel Jaksch und Ernst Paul eine Emigrantengruppe leitete. 1946 kehrte er nach München zurück, trat in die SPD ein, wurde für kurze Zeit stellvertretender Landesvorsitzender und 1947 stellvertretender Staatssekretär für das Flüchtlingswesen in Bayern. Von Anfang an arbeitete er mit Hans Schütz von der Ackermann-Gemeinde und Walter Becher vom Witiko-Bund in verschiedenen Gremien der Flüchtlingsverwaltung zusammen. Für die erste Vertriebenen-Zeitung, die noch heute existierende „Brücke“, schuf er die finanziellen und personellen Grundlagen. Bei der Gründungsversammlung der Seliger-Gemeinde 1951 wurde Wenzel Jaksch zum Bundesvorsitzenden gewählt und Richard Reitzner übernahm den geschäftsführenden Vorsitz, den er bis zu seinem Tode 1962 innehatte.

    Austausch in Passau (v.l.): SL-Kreisgruppenvorsitzender Peter Pontz,
    Vorstandsmitglied der Seliger-Gemeinde Niederbayern-Oberpfalz Karin
    Hagendorn, MdL Bernhard Roos, Vorsitzende Helga Heller, Mitglied Helmut
    Zahradnik, Referent Albrecht Schläger, die Vorstandsmitglieder Horst
    Jorde und Erwin Haslberger .

    Schläger führte an, dass die Vertriebenen einen großen Anteil am modernen Bayern hätten. Viele Firmen wurden nach 1945 gegründet, sudetendeutsche Sozialdemokratengründeten SPD-Ortsvereine. In der Diskussion schilderte MdL Bernhard Roos seine familiären Verbindungen zu Österreich, Ungarn und Tschechien und betonte, dass Migration eine existenzielle Bedeutung für ihn habe, er sich aber voll und ganz als Niederbayer fühle. Vorsitzende Helga Heller hob Reitzners Einsatz für das Fremdrentengesetz heraus, mit dem Vertriebene für im Ausland geleistete Tätigkeiten entschädigt werden konnten. Unter den Gästen war auch Vorstandsmitglied Karin Hagendorn von der neugegründeten Regionalgruppe Niederbayern-Oberpfalz der Seliger-Gemeinde.

    Foto und Text: Passauer Neuen Presse, 31.05.2017


  • Dachau erinnert 72 Jahre nach dem 2. Weltkrieg an die Befreiung des KZ (30.04.2017)

    Politiker und Zeitzeugen warnen vor dem wieder erstarkten Rechtsradikalismus und Rassismus

    Im Konzentrationslager Dachau und seinen zahlreichen Außenlagern waren zwischen 1933 und 1945 über 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert. Am 29. April 1945 wurde das Konzentrationslager Dachau von den US-Truppen befreit. Für 41 500 Menschen kam die Befreiung zu spät. Sie wurden ermordet.
    Am 30. April 2017 erinnerten sich zahlreiche Gäste aus der ganzen Welt, auch Mitglieder der Lagergemeinschaft und Überlebende des KZ Dachau und ihre Angehörigen an den Tag der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers vor 72 Jahren. Auch die Mitglieder der Seliger Gemeinde, Christine Haschek und Georg Wechselberger von der SG Dachau sowie Peter Heidler, Landesvorsitzender der SG Bayern und seine Frau Renate, nahmen an den Feierlichkeiten teil und legten vor dem internationalen Mahnmal einen Kranz mit roten Nelken nieder.

    vorne v.l. Peter Heidler, Landesvorsitzender der SG Bayern, Georg Wechselberger von der SG Dachau, dahinter v.l. Christine Haschek von der SG Dachau, Renate Heidler, SG Hof (Foto: Renate Slawik)

    Noch gibt es Zeitzeugen, doch es werden immer weniger. Einer fehlte besonders: Max Mannheimer. Er verstarb im September 2016 im Alter von 96 Jahren. Doch auf dem ehemaligen Gelände des Krematoriums ist das ehemalige Mitglied der Seliger Gemeinde präsent. Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) betonte, dass Mannheimer für Dachau ein wertvoller Berater in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit war. Mahner und Versöhner in ein einer Person. Dachau sei zum Lern-und Erinnerungsort geworden und ginge offen mit der Geschichte der KZ-Vergangenheit um. Doch Rassismus und Antisemitismus wären wieder auf dem Vormarsch. „Menschlichkeit, Freiheit und Solidarität sind Werte die nicht selbstverständlich sind. Sie müssten von jeder Generation immer wieder neu errungen werden“, so Hartmann.

    v.l. Peter Heidler, Landesvorsitzender der SG Bayern, Christine Haschek und Georg Wechselberger von der SG Dachau legten nach der Gedenkveranstaltung zum 72. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau am internationalen Mahnmal einen Kranz nieder. (Foto: Christine Roth)

    Ernst Grube, Holocaust-Überlebender der nach dem Tod von Max Mannheimer den Vorsitz der Lagergemeinschaft Dachau übernommen hat, protestierte gegen die menschenunwürdige Abschiebungspolitik, gegen Ausgrenzung, Militarismus, Terror und Krieg. Grube kritisierte, dass der durch die Verfassung garantierte Schutz zunehmend aufgekündigt werde und forderte auf, den im Grundgesetz stehenden Artikel eins: „Menschenrechte gelten für alle Menschen“ zu beherzigen.
    Neben der Erinnerung an die Befreiung des KZ-Dachau beschäftigten sich dieses Jahr alle Redner der Gedenkveranstaltung stärker als sonst mit den aktuellen politischen Ereignissen in Deutschland. Sie warnten vor aggressivem Nationalismus und vor den Entwicklungen am rechten Rand. Der Zeitzeuge und Todesmarsch-Überlebende Abba Naor (89), Vizepräsident des Comité International de Dachau (CID) hielt vor dem Todesmarschmahnmal an der Theodor-Heuss-Straße eine Rede. Er fragte sich, was er noch alles sagen soll – 72 Jahre danach. „Es ist schon so vieles gesagt worden“, erklärte er resigniert, „und doch ist der Antisemitismus wieder salonfähig geworden“. Daran habe er nie geglaubt.
    Matthias Jena, Vorsitzender des DGB Bayern, mahnte zur Bereitschaft aus der Vergangenheit zu lernen.

    „Vergesst nicht die Toten und vergesst nicht die Ursachen des Mordens“.

    Bericht und Fotos: Christine Roth


  • Ausstellungseröffnung im Hofer Museum (12.04.2017)

    Von der Partei zur „Gemeinde“

    „Flucht und Vertreibung“ ist seit fünf Jahren ein Hauptthema im Hofer Museum. Aktuell ist dazu eine Sonderschau über sudetendeutsche Sozialdemokraten zu sehen.
    Zur Eröffnung der Sonderschau über sudentendeutsche Sozialdemokraten im Museum Bayerisches Vogtland in Hof hat der in Hohenberg an der Eger lebende frühere Landtagsabgeordnete Albrecht Schlager gesprochen. Seit 2005 ist er Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde. Dabei handelt es sich um die 1951 gegründete Nachfolge-Organisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakischen Republik. Die Partei existierte von 1919 bis 1938, Josef Seiger war bis zu seinem frühen Tod 1920 ihr erster Vorsitzender, nach ihm ist die „Gemeinde“ benannt.

    Albrecht Schlager, Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde, im Gespräch mit Katrin Chrunsc, die in Schirnding den deutsch tschechischen Kindergarten „Fuchsbau“ leitet

    Die Ausstellung im Museum, die bereits seit 2014 auf Tour ist und von einem zweisprachigen Katalog begleitet wird, zeichnet den Weg von der DSAP zur Seliger-Gemeinde auf Schautafeln umfassend nach. Einen riesigen Erfolg verzeichnete die Partei der sudetendeutschen Sozial-demokratie bereits bei den Erstwahlen des tschechoslowakischen Parlaments im April 1920. Sie errang 44 Prozent der deutschen Stimmen und war mit diesem Anteil die stärkste sozial-demokratische Partei der Welt.
    1929 trat sie in die Regierung ein, ihr damaliger Vorsitzender Dr. Czech wurde Fürsorgeminister. Die DSAP wollte Gleichberechtigung der Deutschen im „Kunststaatgebilde Tschechoslowakei“, dessen Gründung die Siegermächte des Ersten Weltkriegs beschlossen hatten. Eindringlich warnte die Partei vor der Politik der Nationalsozialisten, die im September 1938 zum gewaltsamen Anschluss des Sudetenlandes ans Deutsche Reich führte und ein friedliches Miteinander der Volksgruppen im Lande unmöglich machte.
    Die DSAP wurde aufgelöst, mehr als 10.000 ihrer 80.000 Mitglieder wurden verhaftet, viele in Konzentrationslagern ermordet. Nach dem Krieg folgte die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei; über drei Millionen Menschen waren betroffen. Die Seliger Gemeinde setzt sich nun für die Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen und für eine verantwortungsbewusste sozialdemokratische Politik in der Mitte Europas ein.
    Auch in Hof gibt es eine Ortsgruppe der Seliger Gemeinde, die 2016 ihr 60-jähriges Bestehen feierte.
    Die Ausstellung läuft bis 25 Juni – Dienstag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr.

    Text und Foto: Frankenpost


  • Proklamation der Seliger-Gemeinde, Bundesversammlung in Bad Alexandersbad (30.10.2016)

    Einstimmig beschlossen die Delegierten aller Landesverbände und Auslandsorganisationen diese Europaproklamation am Sonntag, 30. Oktober 2016
    während der Bundesversammlung in Bad Alexandersbad:

    Proklamation der Seliger-Gemeinde auf ihrer Bundesversammlung
    am 30. Oktober 2016 in Bad Alexandersbad

    „Wir können und wir werden Europa schaffen!“
    (Willy Brandt, Rede vor dem Europäischen Parlament 1973)

    „Europa wird sein ein Bund freier Völker oder es wird nicht sein.“ In Anlehnung an eine Formulierung Josef Seligers für das Brünner Nationalitätenprogramm von 1899.

    „Ein Gespenst geht um in Europa.“ Längst überwunden geglaubte Phantasievorstellungen von Nationalökonomie, Intoleranz gegenüber Religionen oder verschiedene Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gewinnen an Zuspruch. Die europäischen Rechtspopulisten in Frankreich, Großbritannien, Ungarn, den Niederlanden, Belgien, Polen, Tschechien, Österreich oder Deutschland, um nur einige zu nennen, versprechen einfache Lösungen, die in der Vergangenheit mehrfach zu Katastrophen geführt haben.
    Die Frauen und Männer der Erlebnisgeneration, welche das Grauen des Zweiten Weltkrieges oder die Zeit der Not kurz danach noch selbst erlebt haben, warnen vor einem Wiederaufleben des Nationalismus in Europa. Die nachfolgenden Generationen haben Europa zusammenwachsen sehen und die Jüngsten unter uns kennen nur ein gemeinsames Europa ohne Grenzen und sehen darin eine hoffnungsvolle Zukunft.

    Politiker aller Parteien wie Kurt Schumacher, Konrad Adenauer, Bruno Kreisky, Olof Palme, Willy Brandt, Helmut Kohl, Helmut Schmidt oder Hans Dietrich Genscher, welche die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebt hatten, setzten alles daran, einen neuen Krieg durch ein vereintes Europa zu verhindern. Heute sehen wir mit Besorgnis, dass nachgeborene Politiker und Lobbyisten verschiedenster Interessengruppen wieder anfangen am „Gemeinsamen Haus Europa“ an allen Ecken und Enden zu zündeln.
    Wir halten es für unsere Pflicht, jetzt in einer Phase der europäischen Geschichte, wo immer weniger Zeitzeugen und Mahner unter uns sind, vor dem Zerfall Europas und den Schrecken des Krieges zu warnen.

    Wir treten ein für:
    • ein Europa der freien Völker in Freundschaft, Frieden und gutnachbarschaftlicher Zusammenarbeit,
    • den Schutz der Grundrechte und bürgerlichen Freiheiten der Bürger sowie der Meinungs-, Presse- und Glaubensfreiheit in Europa sowie das Recht auf Information,
    • für die Erhaltung des Friedens, für Abrüstung und für eine Armee allein zu Verteidigungszwecken,
    • die Stärkung des demokratisch gewählten Europaparlaments,
    • ein Europa ohne Diskriminierung, in dem Pluralismus, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern gelebt werden.

    Nie wieder Krieg!


  • Gedenkstein-Enthüllung am Geburtshaus von Volkmar Gabertin Dreihunken/Drahunky (Teplitz/Teplice) (22.09.2016)

    20160922_gedenkstein_gabert

     

    Volkmar Gabert

    11.03.1923 Dreihunken – 19.02.2003 Unterhaching

    Eisenflechter, aus sozialdemokratischer Familie stammend, bereits als Kind Mitglied des Arbeiter-Turn- und Sportverban-des und der Roten Falken, 1938 bis 1945 im Exil in Groß-britannien, im Exilvorstand der Treuegemeinschaft, nach 1945 in Bayern, 1950 bis 1958 Landesvorsitzender der Jung-sozialisten, 1950 bis 1979 Vorsitzender der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag, 1963 bis 1972 Landesvorsitzender der bayrischen SPD und Mitglied des Parteivorstandes, 1979 bis 1984 Abgeordneter im Europaparlament (MdEP), 1998 bis 2003 Mitglied im Verwaltungsrat des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, 1951 Mitgründer der Seliger-Gemeinde, Bundesvorsitzender von 1986 bis 2003.

    P r e s s e m i t t e i l u n g
    Gedenktafel für Volkmar Gabert enthüllt
    Landtagsvizepräsidentin Inge Aures: „Bedeutende Persönlichkeit der bayerischen SPD“

    v. li. nach re: Petr Pipal – Bürgermeister von Eichwald / Dubi,
    Inge Aures – Vizepräsidentin des Bayer. Landtags
    Peter Wesselowsky, Alt-OB von Ochsenfurt, Mitglied des Bundesvorstands der Seliger-Gemeinde

    Im tschechischen Dreihunken (Drahunky) bei Teplitz im Sudetenland ist am Geburtshaus von Volkmar Gabert eine Gedenktafel enthüllt worden. Gabert, der im Jahr 2003 verstorben ist, war von 1962 bis 1976 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag und von 1963 bis 1972 auch Landesvorsitzender der bayerischen SPD.
    Der gebürtige Sudetendeutsche hat sich große Verdienste um die Aussöhnung von Deutschen und Tschechen erworben. Die Initiative für das Anbringen und das Enthüllen der Gedenktafel ging vom früheren Wunsiedler Landtagsabgeordneten und Mitglied im Bundesvorstand der Seliger-Gemeinde, Albrecht Schläger, aus.

    Landtagsvizepräsidentin Inge Aures lobte Gabert in ihrer Rede als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der bayerischen SPD. „Volkmar Gabert hat die Verständigung zwischen Deutschland und Tschechien maßgeblich vorangetrieben. Er war in Tschechien und Bayern hochgeachtet. Seine Stimme hatte Gewicht. Er wurde gehört – bis hinauf in die Prager Burg von Staatspräsident Vaclav Havel“, so Inge Aures.
    Aures würdigte auch Gaberts Verdienste um die bayerische SPD. In dessen Zeit als Landesvorsitzender fielen die besten Ergebnisse bei Landtagswahlen (1962: 35,3 Prozent und 1966: 35,8 Prozent).
    Drei Jahre lang, von 1976 bis zu seinem Ausscheiden 1979, war Gabert Vizepräsident des Bayerischen Landtags. Von 1979 bis 1984 gehörte er dem Europäischen Parlament an. Volkmar Gabert war bis zu seinem Tod auch Ehrenvorsitzender der Seliger-Gemeinde.
    „Untrennbar verbunden mit seinem Namen ist sein hartnäckiger Einsatz.


  • Wenzel-Jaksch-Preis 2016: Dankesrede des Preisträgers Petr Vokrál

    Unsere Völker haben seit Jahrhunderten nebeneinander gelebt, in guten und in schlechten Zeiten. Wir haben einander geachtet und nachbarschaftliche und familiäre Beziehungen aufgebaut. Ungeachtet dessen, ob jemand Tscheche oder Deutscher war. Die Grauen des Zweiten Weltkrieges und die Ereignisse unmittelbar danach zerstörten für Jahrzehnte die zwischenmenschlichen Beziehungen und hinterließen Wunden, die zu heilen sind.
    Ich stehe hier aber nicht, um die Geschichte zu analysieren und schon gar nicht, um irgendjemandem irgendeine Schuld zuzuschieben. Was ich sagen will ist, dass es zu jeder Zeit außergewöhnliche Menschen gibt, die sich dem Zwang der Mehrheit nicht beugen und die bereit sind, auch um den Preis ihres eigenen Lebens, ihre Anschauung zu verteidigen. Ein solcher Mensch war auch Wenzel Jaksch. Ein Mann, der sich ein Leben lang bemühte, einen gemeinsamen Weg für unsere beiden Völker zu finden. Es ist eine große Ehre für mich, dass ich hier heute stehen darf, um seiner zu gedenken und aus vollem Herzen zu erklären, dass Tschechen und Deutsche für mich indes Freunde sind.
    20160618_wjp_rede_2016Heutzutage ist es mehr als offensichtlich, wenn wir in einem gemeinsamen und zusammenhaltenden Europa miteinander leben sollen, müssen wir Herausforderungen begegnen können, die sich aus der heutigen Weltlage ergeben. Dafür aber müssen wir Partner ohne gegenseitige Vorurteile sein mit Zuversicht und mit vollem Respekt. Leider scheint es mir zuweilen, dass uns, auf unserer Seite, 40 Jahre des demokratischen Reifeprozesses fehlen, wegen des Kommunismus. Dieses hat unsere Situation nicht vereinfacht und die Schritte zur Versöhnung auch verzögert. Umso mehr schätze ich die Anregungen junger, unbelasteter Menschen, die das gesamte Projekt des Jahres der Versöhnung mit Begeisterung umgesetzt haben. Dafür will ich ihnen von ganzem Herzen danken. Es ist nicht das Ziel von Veranstaltungen wie dem Jahr der Versöhnung, in alten Wunden zu stochern, ganz im Gegenteil. Viele Wunden wurden mit der Zeit geheilt, ein Unrechtsgefühl bleibt aber manchmal ein Leben lang präsent. Und dabei könnte vielleicht ein schlichter Ausdruck des Bedauerns zur Versöhnung genügen. Selbiges gilt wohl auch für ein kurzes: „Es tut mir leid!“ Wir wollen auf diese Weise zeigen, dass wir bereits gereift sind, wir begreifen, dass Gewalt keine Lösung ist und dass Rache kein einziges verlorenes Leben zurückbringt. Unsere Lösung, welche die letzten Wunden zwischen Tschechen und Deutschen endgültig heilen kann, ist die gemeinsame Zukunft voll Toleranz und Verständnis. Eine Zukunft, in der es keinen Platz für Rassismus, Extremismus und Hass gibt.
    Lassen sie mich mit einem herzlichen Dank an sie, die traditionelle Gesinnungsgemeinschaft der deutschen Sozialdemokraten in der Ersten Tschechoslowakischen Republik, schließen. Es ist mir eine große Ehre und eine hohe Würdigung, nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die ganze Stadt.

    Petr Vokrál


  • Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises, Bayerischer Landtag (18.06.2016)

    „Gemeinsame Zukunft voller Toleranz und Verständnis!“ Diese Worte des Brünner Oberbürgermeisters hätten als Überschrift über seinen Ausführungen anlässlich der Verleihung des diesjährigen Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises im Rahmen des Vertriebenenempfangs der BayernSPD am 18. Juni im Plenarsaal des Bayerischen Landtags in München stehen können. Primator Petr Vokrál hatte die Auszeichnung für seine und für die Bemühungen seiner Stadtratsfraktion erhalten, 70 Jahre nach dem schrecklichen Zwangsmarsch der deutschen Bevölkerung von Brünn an die österreichische Grenze einen Neuanfang in den gegenseitigen Beziehungen zu wagen und in einer Versöhnungserklärung zu dokumentieren. Es war die Absicht der SG und der Preisjury, das aufrichtige und in unserem Nachbarland noch immer schwierige und politisch riskante Engagement der Brünner politischen Führung für einen aufrichtigen deutsch-tschechischen Ausgleich zu würdigen und als Beispiel hinzustellen. Diese Bemühungen fanden große Unterstützung bei allen Anwesenden.
    In seiner Laudatio wies Martin Bachstein auch darauf hin, dass beide Völker grundsätzlich seit der neuen Ostpolitik Willy Brandts in den 70er Jahren in ihren Beziehungen „neben Rückschlägen doch insgesamt eine stetige Aufwärtsentwicklung verzeichnen“ konnten, dass aber zugleich noch immer viel Platz für Fortschritte vorhanden sei. Die Tschechische Republik beziehungsweise ihre Vorgängerin habe zwar nach 1945 keine deutschen Gebiete annektiert; sie habe aber als Reaktion auf die Zerstörung ihres Staates durch das Münch-ner Abkommen und auf die Okkupation durch Hitler-Deutschland mehr als zweieinhalb Millionen Deutsche auf teilweise grausame Art des Landes verwiesen und diesen Menschen die Heimat genommen. Zu den ersten Vertriebenen zählten schon 1938/1939 einige Tausend sudetendeutsche Sozialdemokraten, die für sich und ihren Familien vor allem in Skandinavien, Großbritannien und Kanada eine neue Heimat suchen mussten. Der Laudator erwähnte auch die besondere Rolle der mährisch-deutschen Abgeordneten und Funktionäre in der Geschichte der Sozialdemokratie, die als Austromarxisten den nationalen Gegensatz zwischen Tschechen und Deutschen oft weniger intensiv als die Bewohner Nordböhmens wahrnahmen und auch entsprechend politisch reagierten. Er meinte sogar, dass das Verhalten der Mehrheit der heutigen Brünner Gemeindevertretung und des Preisträgers der „besseren Tradition“ Mährens im deutsch-tschechi-schen Verhältnis entspreche.

    Die Preisübergabe (v.l.): Oberbürgermeister Petr Vokrál, Volkmar Halbleib, SPD-MdL, Dr. Helmut Eikam und Albrecht Schläger, SG-Bundesvorsitzende

    Bachstein dankte dem Stadtoberhaupt für das im vergangenen Jahr innerhalb weniger Wochen erstellte Jahresprogramm anlässlich der 70. Wiederkehr des Kriegsendes, das ausdrücklich die Auflage enthielt, „aller Opfer des Krieges und damit auch den Opfern der Vertreibung der Deutschen aus der Stadt“ zu gedenken. Und er dankte auch für die vor einem Jahr verabschiedete Erklärung der Stadtverwaltung und des Primators, die inhaltlich zum ersten Mal über die Entschuldigung Vacláv Havels von 1990 hinausreichte und die politische Verantwortung für die Ereignisse des Jahres 1945 übernahm sowie eine Bitte um Vergebung enthielt. Primator Vokrál habe sei-nerzeit „einen beispiellosen und einmaligen Akt politischer Reife und hoher Erinnerungskultur erbracht“, welcher das Motto der Ersten Republik vom Sieg der Wahrheit wieder einmal bestätigt habe.
    In seiner Dankesrede erinnerte Oberbürgermeister Vokrál daran, dass erst die schrecklichen Ereignisse vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg die im Grunde genommen insgesamt ausgeglichenen Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen schweren Belastungen ausgesetzt hätten. Begleitet vom starken Beifall der Anwesenden sprach der Preisträger von einer gemeinsamen Zukunft voller Toleranz und Verständnis. Die bedeutsame Rede des Brünner Primators ist nachstehend im Wortlaut wiedergegeben.

    Martin K. Bachstein