Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten in Schweden (Sudetendeutsche Zeitung 27.04.2018)

Beginn vor 80 Jahren

Helmut Eikam, Ko-Vorsitzender der Seliger-Gemeinde, erinnert an die Anfänge der Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten in Schweden vor 80 Jahren.

In diesen Tagen jährt sich zum 80. Mal die Phase, in welcher im Sudetenland die Auseinandersetzungen zwischen Konrad Henleins Anhängern und der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) in manchen Teilen des Landes nahezu bürgerkriegsähnliche Zustände annahmen. Als nach dem verhängnisvollen Münchener Abkommen die Sudetengebiete dem Dritten Reich angegliedert wurden, flüchteten viele tausende Gegner des Nationalsozialismus, meist Sozialdemokraten, in die Resttschechoslowakei. Mehr als 30 000 Sozialdemokraten suchten im Inneren Böhmens Schutz und rund 10 000 in Mähren, wo sie in primitiven Lagern, in umfunktionierten Schulräumen und Wirtshäusern Unterkunft fanden.

Die Prager Regierung vergalt diesen staatstreuen deutschsprachigen Bürgern ihre Treue schlecht. Sie zwang die meisten zur Rückkehr in die Sudetengebiete. Senator Heinrich Müller und der Falkenauer Abgeordnete Franz Katz warfen sich hier vielmals Tag für Tag auf dem Bahnhof Prag-Smichow solchen Rückkehrtransporten entgegen und holten die Gefährdetsten aus den Zügen heraus. Mehr als 10 000 dieser Sudetendeutschen Sozialdemokraten wurden damals durch die Schuld der tschechischen Regierung der Gestapo und damit an Adolf Hitlers Gefängnisse und Konzentrationslager ausgeliefert.

Ich erinnere mich an Erzählungen von Otto Seidl, der später lange Jahre der Vorsitzende der Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten in Schweden war, daß den Insassen in seinem Lager in der Nähe von Prag vorgegaukelt worden sei, daß man nur in ein anderes Lager verlegt werde, bis der Zug dann an einem Bahnhof anhielt und das Bahnhofsschild „Mies“ verraten habe, daß der Zug seine Insassen in die Sudetengebiete zurücktransportiert habe. Dies war noch ein, zwei Tage vor dem Einmarsch der Wehrmacht.

Otto Seidl und sieben oder acht weitere Jungsozialisten warfen sich aus dem Zug auf den Bahnsteig, der aber von tschechischer Gendarmerie mit aufgepflanztem Bajonett bewacht war. Gleichwohl gelang es Seidl und seinen Freunden, sich durch diese Reihen zu werfen und über Polen und die Ostsee Schweden zu erreichen.

Anderes berichtete mir Franz Grippner, Ortsvereinskassier der DSAP in Haberspirk/Kreis Falkenau, der ebenfalls zurücktransportiert und nur einige Tage später verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen wurde. Bekannt ist, daß viele der Zurücktransportierten beispielsweise auf dem Bahnhof in Eger sofort beim Verlassen des Zuges verhaftet und in die Gestapo- Gefängnisse oder Konzentrationslager gebracht wurden.

Nur ungefähr 4000 Mitglieder der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei entkamen ins Ausland. Mit der Hilfe der schwedischen und der englischen Sozialdemokraten gelang es zunächst, in die skandinavischen Länder Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland zu flüchten und später weiter nach Großbritannien und nach Kanada. Der Überfall der Hitler-Armeen auf Dänemark und Norwegen zwang dann die meisten der in diese Länder geflüchteten Emigranten, ihre mühsam geschaffenen Existenzen wieder aufzugeben und nach Schweden zu fliehen und von da häufig weiter nach Großbritannien.

10. Landeskonferenz in Eskilstuna vom 28. bis 29. September 1968 mit Verkehrsminister Svante Lundkvist, dem ehemaligen Sozialminister Gustav Möller, Folke Anderson, Karl Kern, Oberbürgermeister Bengt Gustavson und Otto Seidl.

Trotz der Unterstützung durch die sozialdemokratischen Parteien war es ein hartes Ringen, Visa und auf den jeweiligen Namen lautende Einreisebewilligungen für die demokratischen Länder zu erkämpfen. Dieser Kampf um die Visa war eine Nervenprobe. Die Parlamente der jeweiligen Länder mußten Kontingente und Mittel beschließen; Hilfskomitees sammelten Gelder und verwalteten diese. Nur ein geringer Bruchteil der aus der Arbeiterschicht stammenden Sozialdemokraten war überhaupt mit Pässen versehen. Von der Fotografie bis zur Unterschrift mußten also erst Pässe oder Ersatzpässe beschafft werden. Listen über Listen wurden geschrieben und ins Ausland geschickt, damit die dortigen Beauftragten für sie neue Visa beschaffen konnten. Die Auswahl der aufzunehmenden Emigranten erfolgte häufig nach Berufen.

Die ersten Emigranten flogen über Deutschland in den Westen. Dann organisierte die DSAP zusammen mit den schwedischen Sozialdemokraten eine Bahnverbindung über Polen nach Gdingen, von wo aus der Schiffstransport in die Aufnahmeländer organisiert war. Im Januar und im Februar 1939 begann die Auswanderungsaktion in größerem Umfang Gestalt anzunehmen. In der Arbeiterbewegung zeigte sich ein einzigartiges Vertrauensverhältnis, und die gefährdeten Sozialdemokraten erlebten Beweise großartiger Solidarität und Menschlichkeit. Dies waren vor allem die Genossen:

  • aus Schweden Thorsten Nielson, Vorsitzender der Sozialistischen Jugendinternationale und späterer Sozialminister, Axel Granath, Flüchtlingssekretär der schwedischen Arbeiterbewegung, Arthur Greenfell, Bergarbeiterführer aus England, und von dort mit ganz besonderer verdienstvoller Aktivität Doren Warriner
  • aus Dänemark Richard Hansen und Tröils Hoff
  • aus Norwegen Fin Moe und Lars Evensen sowie Tore Filseth und Ada Nansen.

Die Emigranten von 1938 und 1939 sind die Begründer der Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten, die mit ihren verbliebenen Mitgliedern noch heute als Treuegemeinschaft eine Teilgruppe der Seliger-Gemeinde ist. Im schwedischen Eskilstuna lebt noch heute Peter Krywult, der alljährlich die Bundesversammlung der Seliger-Gemeinde besucht. Lange kam auch Erika Schmid aus Kanada von der dortigen Treuegemeinschaft.
Im Februar 1939 beschloß ein eigens zu diesem Zweck einberufener außerordentlicher Parteitag in Prag die Auflösung der DSAP, um damit ihre Mitglieder zu schützen. Zugleich beschloß dieser Parteitag die Gründung der Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten, welche die Traditionen der alten Partei fortsetzen und im demokratischen Ausland für die Befreiung der Heimat wirken sollte.

Das politische Schwergewicht der Treuegemeinschaft lag naturgemäß in London, wo der Parteivorsitzende Wenzel Jaksch seinen Sitz hatte. In Skandinavien vertrat Ernst Paul, der spätere Bundestagsabgeordnete, die Interessen der sudetendeutschen Emigranten. Er war es vor allem, der in unermüdlicher Kleinarbeit für die Familien der Schicksalsgefährten arbeitete und dabei seine guten Verbindungen in die höchsten Regierungsstellen Schwedens nutzen konnte. Er zählte die bedeutendsten Staatsmänner der skandinavischen Länder zu seinen persönlichen Freunden.

Trotz der schlechten Erfahrungen mit den Tschechen im Zusammenhang mit der Auslieferung deutscher Sozialdemokraten an die Nazis zurück in das Sudetenland bemühte sich die Treuegemeinschaft im Interesse des Friedens zunächst durch Zusammenarbeit mit den tschechischen Emigranten von 1938 an, die Voraussetzung für ein allseits befriedigendes Zusammenleben der beiden Völker zu schaffen, auch für ein solches nach Beendigung des Krieges. Als die Clique um Edvard Beneš und Hubert Ripka zielstrebig die Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung betrieb – und davon trotz größten Engagements der Führung der Treuegemeinschaft nicht abzubringen war –, und als sie schließlich den Alliierten die Zustimmung zur Ausweisung der Sudetendeutschen abgelistet hatten und die tschechische Auslandsregierung sich immer eindeutiger der Politik Josef Stalins auslieferte, ging dieser Kontakt in die Brüche.

Die Treuegemeinschaft hat damals – leider vergebens – alles getan, um die Vertreibung, ja laßt uns sagen das Vertreibungsverbrechen, zu verhindern. Leider war infolge der Greueltaten der Nationalsozialisten in der Tschechoslowakei der Einfluß der Treuegemeinschaft bei den Alliierten immer geringer geworden.
Die tschechische Kolonie Stockholm hatte in den ersten Jahren nach 1938 wiederholt gemeinsame Veranstaltungen mit der Treuegemeinschaft abgehalten. Nunmehr denunzierte sie böswillig und wider besseres Wissen zur Vorbereitung ihrer ethnischen Säuberung die Sudetendeutschen Sozialdemokraten als Nazis, was zum Bruch führte. Nach 1945 wurden durch die Sozialdemokraten im Zuge der Vertreibung weitere etwa 250 Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei nach Schweden geführt und dort Mitglieder der Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten.

Bericht in der Sudetendeutschen Zeitung, Folge 17, 27.04.2018