Seliger-Gemeinde: Gedenkfeier in Dachau (Sudetendeutsche Zeitung 11.05.2018)

Gedenkfeier in Dachau

Ende April wurde auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau in Oberbayern an die Befreiung des Lagers vor 73 Jahren erinnert. Mehr als 100 Kränze lagen vor dem internationalen Mahnmal der Gedenkstätte.

Mit Ansprachen und Kranzniederlegungen erinnerte Dachau vor Gästen aus ganz Europa an die Befreiung des Lagers vor 73 Jahren. Politiker und Zeitzeugen mahnten vor Antisemitismus, Ausgrenzung und Gewalt. Sie wiesen darauf hin, daß das Andenken an die vielen Opfer des NS-Regimes gewahrt werden müsse. Auch eine Abordnung der Seliger-Gemeinde legte einen Kranz mit roten Nelken nieder.

Christine Haschek und Georg Weichselberger legten am internationalen Mahnmal den Kranz für die Seliger-Gemeinde nieder. Begleitet wurden sie von Hans-Joachim Otte und Wera Aßmann (hinten).
Bild: Christine Roth

Die US-Army befreite am 29. April 1945 das Konzentrationslager Dachau, in dem Menschen gedemütigt, gefoltert und 43.000 ermordet wurden. Abba Naor ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die von der Befreiung des KZ Dachau und seiner Außenlager im April 1945 erzählen können. Er erinnerte sich mit Freude an die Befreiung, aber er sagte: „Die Trauer war groß, weil wir wußten, daß viele nicht überlebt haben.“

Zu Beginn der zentralen Gedenkveranstaltung vor dem ehemaligen Krematorium übergab Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann Schülerinnen und Schülern des Josef-Effner- Gymnasiums symbolisch weiße Rosen. Damit erinnerte er an die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Immer noch gebe es zu viele Menschen, die nicht akzeptieren wollten, daß Deutschland ein vielfältiges Land sei, in dem Personen mit unterschiedlichen Nationalitäten gut miteinander leben könnten. Hartmann stellte klar, daß die entscheidende Frage nicht sei, was ich damals getan hätte, sondern was ich heute gegen Ausgrenzung, Unterdrükkung, Haß, Rassismus und Nationalismus tun könne. Neben dem Blick zurück sollten wir stets auf das Hier und Heute schauen: „Wir haben immer eine Wahl.“ Sie sei zwar risikoloser als zu Zeiten der NSHerrschaft, aber nicht selbstverständlich.

Ernst Grube, Holocaust-Überlebender und Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, protestierte mit deutlichen Worten gegen den Abbau von Demokratie und Freiheitsrechten. Mit großer Sorge erfülle ihn und die Mitglieder der Lagergemeinschaft, daß die Bayerische Staatsregierung eine Neufassung des Polizeiaufgabengesetzes plane, um der Polizei vermehrt geheimdienstliche Kompetenzen zu übertragen. Eine der wichtigsten Lehren aus dem Nationalsozialismus sei, Geheimdienste und Polizei zu trennen. Er forderte auf, den Artikel 1 des grundgesetzes über Geltung und Reichweite der Menschenrechte in Deutschland zu beherzigen.

Neben der Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes ermahnten die Redner der Gedenkveranstaltung dazu, die aktuellen extrem rechten Tendenzen zu bekämpfen. Unter ihnen Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann und Bayerns Kultusminister Bernd Sibler. General Jean- Michel Thomas, Präsident des Internationalen Dachau- Komitees, sieht in dem radikalen Islamismus eine ernste Gefahr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, forderte die Menschen in Deutschland auf, sich im Alltag gegen Antisemitismus zu engagieren.

Auf den Punkt brachten es die beiden jungen freiwilligen Dienstleistenden der Gedenkstätte Dachau. Jugendliche würden Antworten erwarten auf aktuelle politische Fragen, aber auch wie damals alles angefangen habe. Beeindruckend sei, wie viele junge Menschen ihre Erfahrungen von diesem Ort in sozialen Netzwerken teilten und wie viele selber dabei ein Zeichen setzen wollten für Offenheit und Akzeptanz. Zudem sei es wichtig, daß die Erinnerungen an die Opfer des NSRegimes weitergegeben würden. Kein Bild und kein Buch könne so viel erzählen wie die Geschichten der Zeitzeugen es könnten.

Christine Roth

Bericht Sudetendeutsche Zeitung, Folge 19, 11.05.2018