Jahrestagung der Seliger-Gemeinde in Bad Alexandersbad (Sudetendeutsche Zeitung 09.11.2018)

Erinnerung ans Exil vor 80 Jahren

Vom 19. bis 21. Oktober trafen sich wieder zahlreiche Mitglieder der Seliger-Gemeinde (SG) zu ihrem alljährlichen Jahresseminar im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum in Bad Alexandersbad in Oberfranken, wo die Ergebnisse der Landtagswahl in Bayern Tage zuvor bei allen Verlusten für die SPD noch am besten waren.

Besonders stark war diesmal die Abordnung österreichischer Mitglieder. Das Tagungsmotto „Deutschland und Tschechien von 1918 bis 2018 – 100 Jahre für Freiheit und Demokratie in Europa“ knüpfte an die Tage später stattfindenden Feierlichkeiten zu 100 Jahren Staatlichkeit in der Tschechischen Republik an, jedoch erinnerte man vor allem auch 80 Jahre nach dem Ende der Ersten Republik an die vielen Sozialdemokraten, die ins Exil gingen. Eigens für diesen Schwerpunkt waren Peter Krywult, Peter und Harry Hofbauer, die Enkel des sozialdemokratischen Journalisten und Schriftstellers Josef Hofbauer, aus Schweden angereist. Aber auch der prominente tschechische Teilnehmer, der ehemalige Vizepräsident des Europaparlaments, Libor Roucek, blickt ja auf eine Flucht und ein eigenes Exil in Österreich, den USA und in Australien ab Ende der siebziger Jahre zurück.

Zeitzeugengespräch: Harry und Peter Hofbauer, Moderator Dr. Thomas Oellermann und Peter Krywult.

Den Auftakt am Ankunftsabend bildete eine szenische Lesung von Auszügen des 1930 in der Berliner Volksbühne uraufgeführten Stücks „Die Matrosen von Cattaro“ von Friedrich Wolf, die musikalische Intermezzi der revolutionären Stimmung am Ende des Ersten Weltkrieges untermalten. Peter Heidler am Akkordeon und Herbert Schmid mit kräftiger Stimme und Gitarrenbegleitung, die auch am zweiten Tag die Abendstunden in anderer Mission der Teilnehmer mit Musik erfreuten, hatten für diese Lesung internationale Kampflieder herausgesucht. Und das paßte sehr gut zur Erinnerung an einen Matrosenaufstand schon im Februar 1918, bei dem einer der Rädelsführer der aus Prerau in Mähren stammende und in Troppau aufgewachsene Franz Rasch war, der am 11. Februar nach dem Ende der Meuterei erschossen wurde. Gerade die österreichischen SG-Mitglieder waren überrascht, wie mitten in Oberfranken eine österreichische Geschichte zur Darstellung kam.

Albrecht Schläger und Klaus Adelt MdL, „Stimmenkönig“ der bayerischen SPD.

Der Samstag begann mit der Bundesversammlung, in der SGKo- Vorsitzender Albrecht Schläger einen Rechenschaftsbericht gab und in der unter anderem Rainer Pasta vom Auftritt der SG beim Bundesparteitag der SPD im Dezember berichtete. Nebenbei kam Bernd Sabat vom Sabat-Verlag in Kulmbach vorbei und präsentierte die ersten druckfrischen Exemplare der deutschen Ausgabe der Sozialreportagen aus den zwanziger Jahren von Wenzel Jaksch („Verlorene Dörfer, verlassene Menschen“), die im letzten Jahr bereits auf tschechisch erschienen und ein großer Verkaufserfolg waren. Viele Teilnehmer griffen zu, allen Referenten wurde das Jaksch-Buch aber auch als Präsent mit auf den Weg gegeben.
Thomas Oellermann von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag sprach über die Emigration der sudetendeutschen Sozialdemokraten und schilderte zweierlei. Einmal die weltoffene Orientierung in der Sozialdemokratie, die schon früh versucht habe, sich ein Bild von der Welt zu machen – eine Welt, in die man vielleicht auch flüchten könne. Und dann zeigte er die realen Fluchtströme, die deutlich werden ließen, daß das Exil auch ein Ausdruck von Globalisierung war. So benannte Oellermann beispielsweise zwei sudetendeutsche Sozialdemokraten, die am Alaska- Highway mitbauten, den die Amerikaner wegen der drohenden japanischen Besetzung Alaskas schnellstens realisierten. Wohin die Emigranten gingen, schien dann auf besondere Weise auf, als Grußadressen von Nachfahren ehemaliger Emigranten verlesen wurden: Eric, Mark und Helen Langhammer grüßten aus Belfast – ihr Vater war 1938 aus Rettendorf/ Kreis Trautenau gekommen. Sylvia Daintrey und Diane Butterworth grüßten aus England – ihre Großväter waren aus Reichenberg und Komotau nach Albury gelangt. Eric Schusser grüßte aus Neuseeland – sein Vater war von Aussig nach Schottland und 1950 nach Neuseeland ausgewandert. Ulrika Seidl-Sandberg grüßte aus Schweden – ihr Vater Otto war aus Graslitz gekommen, und ihren jetzt zwei Jahre alten Sohn Sigge nannte sie auch noch Otto. Rosamund Mykura grüßte aus Großbritannien – ihr Großvater Franz Mykura war von Falkenau nach Birmingham gegangen. Und schließlich grüßte Silvia Goldbaum Tarabini Fracapane, geboren in Dänemark und heute in Frankreich lebend – ihre Urgroßeltern Rosa und Josef Novy waren aus Ladowitz/ Kreis Dux nach Dänemark geflohen.

Aus dem Familienalbum von Peter Hofbauer: die Gruppe der Sozialdemokraten um 1939 in Südschweden. Die ersten kamen am 14. November 1938 an.

Dann folgte ein Zeitzeugengespräch mit den schwedischen Teilnehmern, die ihre familiären Prägungen schilderten. Die Hofbauers aus ihrer Erinnerung, die den Fluchtweg ihres Großvaters Josef Hofbauer schon im November 1938 beginnen ließen mit einem Flug mit 15 anderen Flüchtlingen nach Brüssel, der Einschiffung nach Göteborg und der Ankunft in Schweden am 14. November 1938. Peter Krywult, indem er den Fluchtweg von Otto Seidl (1913–2013) beschrieb mit dem Zug bis Gotenhafen/ Gdingen, dann über die aufgewühlte Ostsee ins Baltikum, dann Ankunft in Stockholm am Heiligen Abend, an dem sie das Schiff noch nicht verlassen durften. Am 25. Dezember 1938 betraten die ersten mit der Bahn gestarteten gut 50 Flüchtlinge schwedischen Boden. Daraus entstanden schwedische Familiengeschichten. Doch wie fühlen sich die Schweden von heute mit sudetendeutschen Wurzeln?
Harry Hofbauer, mittlerweile in den Sechzigern: Mehr und mehr denke er auch wegen seiner Mutter, die aus dem Böhmerwald stamme und an der heutigen Grenze zu Österreich geboren sei, daß er sich vor allem als Österreicher fühle – obwohl er nur einen schwedischen Paß besitze und mittlerweile den überwiegenden Teil des Jahres in Südfrankreich lebe. Peter Krywult reklamierte für sich eine sudetendeutsche Identität, die vor allem aus Fahrten mit seinen Freunden aus der Treuegemeinschaft in deren ehemalige Heimat schon in den achtziger Jahren herrühre.
Am Abend kamen viele Teilnehmer noch zu einem Kamingespräch zusammen, an dem unter Leitung von Rainer Pasta und Thomas Oellermann die Zukunft der SG besprochen wurde. Viele brachten sich ein und kamen zu Wort.

Jaroslav Ostrcilík schildert die komplizierte Lage in Brünn und lädt zum Gedenkmarsch am 1. Juni ein.

Erstmals bei einem Jahresseminar wurde am Sonntagmorgen ein Podiumsgespräch geführt. Beim „Alexandersbader Forum“ widmeten sich die Diskutanten Libor Roucek und Thomas Oellermann unter der Gesprächsleitung von Ulrich Miksch dem Thema „1918 bis 2018 – war es ein sozialdemokratisches Jahrhundert?“. Hier blitzten die Erfolge und Niederlagen der Sozialdemokratie und ihrer Lösungsansätze auf, wobei im Rückblick die Modernisierungen der europäischen Gesellschaften doch eine starke sozialdemokratische Handschrift trügen. Nur bedeute das noch keine Zukunftsfähigkeit der bisherigen Ansätze. Ein bestimmtes Milieu habe die Sozialdemokratie nicht mehr, aber es gebe natürlich große Ungerechtigkeiten in Europa.
So beschrieb Roucek beispielsweise, daß ein Ingenieur bei Škoda nur ein Viertel dessen verdiene, was sein Kollege im selben Konzern bei VW erhalte. Das sei auch ein Sprengsatz für Europa. Was sich im Rückblick wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehe, sei das vehemente Eintreten für die Demokratie, auch in Abgrenzung zu kommunistischen Strategien und Überlegungen nationaler Sozialisten. Aber auch der innere Streit der Sozialdemokratie, sich eher national oder international zu verstehen. Davon könne er, Roucek, ein enttäuschtes Lied singen.

Ulrich Miksch moderiert das Forum mit Dr. Libor Roucek und Dr. Thomas Oellermann.

Er schilderte am Schluß der Diskussion, die sich auch ins engagierte Publikum öffnete, den unterschiedlichen Umgang mit schlimmen Niederlagen – hier in der bayerischen SPD gebe es keinen Streit untereinander, keine gegenseitigen Anschuldigungen oder Intrigen, die so typisch seien für die tschechische Sozialdemokratie.
Ein wenig Trost blieb am Ende: Die Erfolglosigkeit der Sozialdemokratie müsse nicht bleiben. Immer wieder gebe es Schaukelbewegungen, und für Westeuropa sei er optimistisch. Ja, es gebe auch gegenwärtig sogar Erfolgreiche wie in Portugal.