Jahresseminar der Seliger-Gemeinde in Bad Alexandersbad

Einladung nach Brünn

Das letzte Oktoberwochenende mit dem Wechsel zur Winterzeit war heuer erneut der Zeitpunkt für das Jahresseminar der Seliger-Gemeinde im sich neu erfindenden oberfränkischen Kurort Bad Alexandersbad. Im dortigen Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum kamen weit über hundert Teilnehmer aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Österreich und Schweden zusammen, um über die „deutsch-tschechische Zusammenarbeit und ihre Auswirkungen auf Europa“ zu diskutieren und turnusmäßige Wahlen abzuhalten. Die Führungsmannschaft wurde für weitere zwei Jahre bestätigt – bei Verjüngung einiger Funktionsträger.

Zwei der prominenten Gäste der Seliger-Gemeinde: Heidrun Piwernetz, Regierungspräsidentin von Oberfranken und SL-Mitglied…

Der inhaltliche Reigen begann bereits am Freitagabend, an dem der 90jährige Adam Stupp an den noch von ihm gekannten Maler, Grafiker und ersten Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreisträger von 1968, Georg Hans Trapp (1900–1977), erinnerte. Trapp, der 1900 in Eichwald zur Welt kam, besuchte die k. u. k. Fachschule für Keramik und verwandte Kunstgewerbe in Teplitz-Schönau, die er aber wegen des Todes seines Vaters ohne Abschluß vorzeitig verlassen mußte. Auf Wanderschaft lernte er später in Rom und Wien bei berühmten Professoren und ließ sich in Teplitz-Schönau als freischaffender Grafiker mit eigenem Atelier nieder. Beschäftigt als Bühnenmaler am dortigen Stadttheater, trat er bald auch als Schauspieler und Sänger dort auf. In der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) engagiert und prägend in den Publikationen der Partei, floh er 1938 nach Norwegen, wurde aber nach der Besetzung Norwegens von der Wehrmacht als Flüchtling erkannt und schließlich ins KZ Hersbruck bei Nürnberg gebracht. Den Todesmarsch kurz vor Kriegsende von Hersbruck nach Dachau überlebten nur zwei von 600, einer war Georg Hans Trapp.

… sowie Dr. Libor Roucek (CSSD), ehemaliger Vizepräsident des Europäischen Parlaments.

Zurückgekehrt nach Teplitz-Schönau entschied er sich, das Schicksal seiner Landsleute zu teilen, und verließ seine Heimat, ging Ende 1945 nach Schweden und ließ sich in Gränna am Wetternsee nieder, wo ihn Adam Stupp, der in Schweden studierte, kennenlernte. 40 Jahre nach seinem Tod in Schweden erinnerte Stupp, aber auch andere wie Präsidiumsmitglied Helmut Letfuß, an den begabten Maler und Graphiker. Letfuß erzählte, daß ihn von Trapp jedes Jahr ein Druck erreicht habe. Für alle Seminarteilnehmer neu waren allerdings die von Thomas Oellermann fotografierten Karikaturen und Illustrationen aus den DSAP-Publikationen der zwanziger und dreißiger Jahre, die als Diashow an eine Leinwand projiziert wurden – darunter auch ein aus dem Ei gepellter Adolf Hitler.
Am Samstag sprachen dann die Regierungspräsidentin von Oberfranken, Heidrun Piwernetz, der Vorsitzende des Deutsch- Tschechischen Gesprächsforums Libor Roucek, die tschechische Generalkonsulin in München, Kristina Larischová, der Abgesandte des Brünner Oberbürgermeisters Petr Vokrál und Initiator des Brünner Gedenkmarsches, Jaroslav Ostrcilík, der Sprecher der Sudentendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, und der Sekretär des Klubs der für die CSSD gewählten Bürgermeister und Oberbürgermeister, Petr Schlesinger.

Adam Stupp spricht über Georg Hans Trapp (Selbstporträt im Hintergrund).

Während Oberfrankens höchste Frau vor allem die bayerisch-tschechischen Projekte beleuchtete und von der 20jährigen Kärrnernerarbeit berichtete, die von 2023 an auch im bayerisch-tschechischen Grenzraum in etwa zehnwöchigen Freundschaftswochen erstmals in der Region um Selb und Asch münden sollen, berichtete Roucek von den deutsch-tschechischen Beziehungen, die vor 20 Jahren die deutsch-tschechische Erklärung hervorgebracht habe, die im Deutschen Bundestag nur vier Stunden diskutiert worden sei, im tschechischen Parlament dagegen vier Tage lang, und die nur 131 Ja-Stimmen bei 59 Gegenstimmen vor allem von Kommunisten und rechtsextremen Parteien erhalten habe. Eine schwierige Verlautbarung, die nach Rouceks Einschätzung indes wesentliche Verbesserungen in den Beziehungen zur Folge hatte. So sei etwa vor zwei Jahren der strategische Regierungsdialog eingeführt worden. Aber wie überall gebe es Verbesserungsmöglichkeiten. In der Tschechischen Republik gebe es zu wenige Bemühungen, um das Erlernen der deutschen Sprache zu verbessern – Lehrlinge und Studenten selbst im Grenzgebiet fänden nicht zur Sprache der Nachbarn. „Und wo bleibt eigentlich die Schnellzugverbindung zwischen München und Prag?“

Albrecht Schläger mit Trapp-Karikatur.

Roucek nahm aber auch Stellung zum Wahlausgang in seinem Heimatland. „Der Tschechischen Republik geht es gut, aber die Leute sind unzufrieden, weil sie sich grundsätzlich nicht mit Polen oder der Slowakei vergleichen, sondern immer mit Deutschland und Österreich.“ Andrej Babiš sei zwar reicher als Donald Trump, aber bei weitem nicht so radikal wie dieser. Er sei kein Anti-Europäer oder Anti-Deutscher, auch kein Nationalist, vielmehr ein Slowake in Böhmen. Kein christlich-Konservativer, sondern ein ehrgeiziger Pragmatiker. Werde es eine ANO-geführte Regierung geben? Ja, vielleicht als Minderheitsregierung. Schlimm sei das Abschneiden seiner Partei, der CSSD, die noch vor vier Jahren so erfolgreiche gewesen sei. Zwar sei 1992 das Ergebnis noch schlechter gewesen (6,5 Prozent), aber damals habe man 16 Abgeordnete, nicht nur 15, gehabt, und es sei eine Zeit des Aufbruchs gewesen. Heute regiere der Pessimismus. Die CSSD sei keine progressive Partei. „20 Jahre lang hat es irgendwie funktioniert, man mußte sich nicht um die Wählerschaft kümmern, alle haben sich nur um den Machterhalt gekümmert. Klientelismus und Korruption regierten.“

Bernd Posselt

Was bedeutet das Wahlergebnis mit einem partiellen Rechtsruck durch die mehr als zehn Prozent für die SPD – Tomio Okamuras „Partei der direkten Demokratie“ – für die deutschtschechischen Beziehungen? „In Zukunft wird es schwieriger als bisher. Persönliche Netzwerke werden wohl stärker werden müssen.“
Generalkonsulin Larischová bekundete: „Wir leben in einer sehr guten Periode der Beziehungen, was aber keine Selbstverständlichkeit ist.“ Im Lichte der schwierigen innenpolitischen Lage müsse man behutsam sein, damit das hohe Niveau erhalten bleibe. Sie dankte der Seliger- Gemeinde für ihr immerwährendes Eintreten für ein friedliches Europa.

Jaroslav Ostrcilík

Ostrcilík überbrachte die Grüße des Brünner Oberbürgermeisters und lud zum Versöhnungsmarsch von Pohrlitz nach Brünn im kommenden Jahr ein. Darüber hinaus werde es im Sommer mehrere Wochen lang Veranstaltungen über das Umbruchsjahr 1918 geben. Sein Vorschlag sei ein baldiger Sudetendeutscher Tag in Brünn. Im nächsten Jahr könne man schon mal proben, indem man beim Rahmenprogramm von „Meeting Brno“ Stände aufbaue, an denen sich sudetendeutsche Organisationen präsentieren könnten. Auch die Seliger-Gemeinde sei herzlich eingeladen.

Kristina Larischová

Diese Einladung erwiderte Bernd Posselt grundsätzlich positiv. Er erinnerte an die Resolution der SG, die auch der Sudetendeutsche Rat gleichlautend verabschiedet habe. 1867 habe man in Österreich-Ungarn beschlossen, so Posselt in seinem historischen Exkurs, daß alle Volksstämme des Reiches gleichberechtigt seien. Dieser Gedanke, der auch damals keine vollständige Durchsetzung erfahren habe, sei der Kern für ein Minderheiten- und Volksgruppenrecht auf europäischer Ebene, um das es zu kämpfen lohne (Ý Seite 1). Petr Schlesinger informierte detailliert über kommunale Probleme in der Tschechischen Republik. Eine Kommunalreform sei dringend erforderlich, die im Wahlkampf aber niemand gefordert habe. Seine Organisation, die 2011 auch als Reaktion auf das Aufkommen der Partei der Bürgermeister (STAN) aus der Taufe gehoben worden sei, verbinde mehr als 300 hauptamtliche Bürgermeister im Lande, die der CSSD angehörten. Nach dem Wahlausgang hege er aber erhebliche Zweifel, ob sich die Partei diese Organisation noch leisten werde.

Petr Schlesinger

Am Abend wurde der Film „Kugel für Heydrich“ aus der Reihe des Tschechischen Fernsehens „Das tschechische Jahrhundert“ mit deutschen Untertiteln gezeigt. Darin spielt der deutsche Schauspieler und Sänger Hartmut Krug den im Exil in London agierenden Wenzel Jaksch. Auch seine differenzierte Spielweise bot neben dem Szenario, das die dramatische Lage der sudetendeutschen Sozialdemokraten zwischen allen Stühlen ergreifend schildert, die Grundlage dafür, daß sich das durch Propaganda gezeichnete Bild Wenzel Jakschs in der tschechischen Gesellschaft gerade verändert. In einem Gespräch schilderte Krug seine Herangehensweise an die Figur Jaksch. In einer Einlassung am Beginn erzählt er von einer Freundin in Jugendtagen, die aus einer sudetendeutschen Familie gekommen und nach Thüringen vertrieben worden sei. Das Wissen um das Schicksal dieser Menschen habe ihn bewogen, das Filmangebot anzunehmen. Er habe Wenzel Jaksch nicht gekannt, aber das Schicksal der Sudetendeutschen.

Karl Willi Beck

Am Sonntag kam der seit 1. Mai 2003 amtierende Bürgermeister von Wunsiedel zu Wort. Karl Willi Beck informierte über den „Wunsiedler Weg“ im Umgang mit Rechtsradikalen aus Portugal bis Polen, die das Grab von Rudolf Heß seit Ende der achtziger Jahre magisch anzieht. Der CSU-Bürgermeister erklärte die Position der Stadt, diese Aufmärsche nicht mehr zu ignorieren. Seit Jahren arbeite Wunsiedel aktiv gegen Neonazis und Rechtspopulismus. Aber auch er, so Beck, müsse seit der Bundestagswahl mit fast 20 Prozent AfD-Wählern leben. Man werde sich dieser neuen Entwicklung stellen müssen. Am Schluß der Jahrestagung meldete sich die ehemalige österreichische Nationalratsabgeordnete Marianne Hagenhofer zu Wort. Dieses Seminar sei eine ganz wichtige Bildungsveranstaltung für sie gewesen. Sie sei seit fünf Jahren bei der Seliger- Gemeinde und nehme sehr viel mit. In der SPÖ wisse man ja kaum noch etwas über diese historischen Fakten.
Einige Seminarteilnehmer blieben nach dem Seminar in Bad Alexandersbad und testeten die gerade neu installierten Kureinrichtungen.

 

Fotos und Text: Ulrich Miksch

Die Ko-Vorsitzenden Albrecht Schläger und Dr. Helmut Eikam überreichen dem Vertriebenenpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag, Volkmar Halbleib (Mitte), eine Dankurkunde.
Blick ins Plenum des Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrums: vorne links Inge Aures, Vizepräsidentin des Bayerischen Landtages, und Dr. Birgit Seelbinder, Präsidentin der Euregio Egrensis.