Gedenken zum 100. Todestag von Josef Seliger (Sudetendeutsche Zeitung Folge 39 | 25.09.2020)

Rotes Wien feiert böhmischen Genossen

Die Seliger-Gemeinde (SG) Österreichs gedachte im Verbund mit der Bezirksvertretung von Wien-Favoriten und dem Verband der deutschen altösterreichischen Landsmannschaften in Österreich (VLÖ) des sudetendeutschen Soziademokraten und Arbeiterführers Josef Seliger anlässlich dessen 100. Todestages am 18. Oktober mit einer Kranzniederlegung und einem nachmittäglichen Symposium Ende Oktober in Wien.

Marcus Franz, Brigitte Pellar, Professor Wolf Kowalski, Norbert Kapeller, Ulrich Miksch und Volkmar Hawranegg.

Auch das Corona bedingt leergefegte Wien informiert jeden Anwohner oder Besucher über die Errungenschaften vor allem des „Roten Wiens“ und dessen Wohnungsbaupolitik seit dem Ende der Monarchie. An allen Gemeindebauten der Stadt prangen die Jahreszahlen ihrer Errichtung. Ähnliches findet sich im größten Wiener Gemeindebezirk Favoriten, der gut 200 000 Einwohner zählt, auch in der Umgebung des U-Bahnhofs Alaudagasse. Hier steht an einer typischen Häusergruppe der unmittelbaren Nachkriegszeit an eine Hauswand geschrieben: „Seliger- Siedlung, erbaut 1951–53“. Errichtet wurde diese Siedlung mit 210 Wohnungen und vier Geschäftslokalen auf dem Laaer Berg von einer Baugenossenschaft der Interessenvertretung Volksdeutscher Heimatvertriebener (IVH), organisatorisch gesehen das volksdeutsche Referat der SPÖ. Übergeben schon im Jahre 1952, wurde die Siedlung am 31. Jänner 1953 unter anderem vom damaligen Wiener Bürgermeister und späteren österreichischen Bundespräsidenten Franz Jonas feierlich eröffnet.

Vor zehn Jahren, zum 90. Todestag von Josef Seliger, brachte die Bezirksvertretung Favoriten und der VLÖ zwei Gedenktafeln am Namensgeber-Wohnhaus der Siedlung an. Nun, zehn Jahre später, hatte der neue Vorsitzende der SG Österreich, Volkmar Harwanegg – auch hier coronabedingt in kleinstem Kreise – zu einer Kranzniederlegung gerufen. Marcus Franz, der Bezirksvorsteher von Favoriten, Norbert Kapeller, Präsident des VLÖ, Ulrich Miksch vom Bundesvorstand der SG in Deutschland, aber auch Gerhard Zeihsel von der SLÖ waren gekommen.

Danach ging es ins nahegelegene Haus der Begegnung, einer Einrichtung der Volkshochschule Favoriten. Dort warteten im großzügigen Saal einzeln mit Abstand aufgestellte Tische, an denen die rund 35 angemeldeten Teilnehmer ihre Plätze zugewiesen bekamen. An den Wänden des Saals war eine kleine Ausstellung über Josef Seligers Leben und Wirken und seine aktuelle Präsenz in der SG heute angebracht, die die SG schon Mitte September beim nachgeholten Brünner Gedenkmarsch präsentiert hatte (Ý SdZ 39/2020). Nach einer Begrüßung durch Volkmar Harwanegg und Grußworten von Marcus Franz, dessen Lebensgefährtin eine Tschechin aus Tetschen-Bodenbach ist, Norbert Kapeller und Ulrich Miksch, der die besten Grüße der beiden SG-Vorsitzenden Helena Päßler und Helmut Eikam überbrachte, begann das Symposium mit einem knapp fünf Minuten langen Film, der elektronisch aus Prag übermittelt worden war.

Till Janzer, der Leiter der Deutschen Redaktion bei Radio Prag, las darin Ausschnitte einer Rede Josef Seligers aus dem Jahre 1920 vor der gewählten Nationalversammlung der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Dazu wurden herbstliche Ansichten des heutigen Prags eingeblendet. So waren die Teilnehmer, darunter auch der eigens aus Vöcklabruck angereiste Urenkel Josef Seligers, Dieter Seliger, im Spannungsfeld der Zeit, dem letzten Lebensjahr Josef Seligers angekommen.

Ulrich Mikschs Ausführungen über Seligers Leben und Werk fußten vor allem auf dem 1930 erschienenen „Lebensbild“. Das werde gerade mit Hilfe der Ernst-und-Gisela-Paul-Stiftung der SG ins Tschechische übersetzt. Autoren seien Seligers Mitstreiter Emil Strauß und Josef Hofbauer (Ý SdZ 22+23/2020), die damals versucht hätten, die dramatische Lage, die der plötzliche Tod Seligers in seinem 51. Lebensjahr heraufbeschworen habe, plastisch zu schildern. „Ein Keulenschlag“, wie Ludwig Czech, sein Stellvertreter und späterer Nachfolger in der DSAP, es für die Partei in Worte zu fassen versucht habe. Aber es sei über die Partei hinausgegangen. Seliger sei auch eine Integrationsfigur für die nationale Selbstbehauptung der Sudetendeutschen im neu entstandenen Staat Tschechoslowakei gewesen.

Die Historikerin Brigitte Pellar vom Institut für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der Arbeiterkammer Wien sprach über Seliger und die Gewerkschaftsbewegung, in der er jedoch keine exponierte Rolle gespielt habe. Seine Verdienste seien in der Parteiführung und im Genossenschaftswesen gelegen. Pellar rief aber die Namen wichtiger sudetendeutscher Gewerkschafter auf, die mit Seliger auch in der von ihm begründeten deutsch-böhmischen Landesorganisation gekämpft hätten.

Zu guter Letzt beleuchtete Professor Wolf Kowalski, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der SLÖ, die nationale Frage und deren Lösungsvorschlag durch die Sozialdemokratie vor 1918. Das sei noch immer eine leuchtende Sache, die mit tatkräftiger Unterstützung Josef Seligers ins Werk gesetzt worden sei. Und auf ihr beruhe auch seine Rolle beim Kampf um Selbstbestimmung für die Sudetendeutschen nach dem Ende der Habsburger-Monarchie.
Nach den Vorträgen bestand jeweils die Möglichkeit zu Fragen, die rege genutzt wurde. Im Hintergrund wurden während des des Symposiums in der Art einer Diaschau rund zwanzig Bilder von Josef Seliger eingeblendet – darunter das Elternhaus in Schönborn heute, an dem bis zum Anschluß des Sudetenlandes 1938 eine Marmortafel hing mit der Aufschrift: „Hier wurde Josef Seliger geboren, Erwecker und Führer des sudetendeutschen Proletariats“. Aber auch historische Fotos wie jenes vom Brünner Nationalitätenparteitag 1899 oder das vom Teplitzer Marktplatz vom 4. März 1919, als 25 000 Menschen überrascht Seliger reden hörten und ihn bejubelten. Zu der Schau gehörten auch abfotografierte Zeitungsberichte aus dem „Prager Tagblatt“ über Seligers Tod, über seine Trauerfeier und über die vier Jahre später erfolgte Setzung des künstlerisch gestalteten Grabsteins, der als Denkmal für Josef Seliger gefeiert wurde. Oder auch aktuelle Fotos vom restaurierten Grab auf dem Schönauer Friedhof heute und von der Ehrerweisung des tschechischen Außenministers Tomáš Petříček und des ehemaligen Ministerpräsidenten und ersten EU-Kommissars der Tschechischen Republik, Vladimír Špidla, für Seliger ebendort im vergangenen Jahr.

Volkmar Harwanegg, der rastlose Organisator, hatte sich von allen coronabedingten Erschwernissen nicht erdrücken lassen und im Seliger-Gedenkjahr – es war ja auch der 150. Geburtstag zu feiern – die einzige Veranstaltung für Josef Seliger zustande gebracht. Er nahm gerade in Wien noch einige Anregungen für seine neue Tätigkeit als Vorsitzender der SG Österreich mit.

Dann war von einem Arbeits- und Wohnaufenthalt in Floridsdorf, heute der 21. Wiener Bezirk, in den Jahren 1900 und 1901 die Rede und von Seligers Tätigkeit im Reichsrat als Abgeordneter des Teplitzer Kreises von 1907 bis faktisch wohl 1919. Was läßt sich darüber noch in den Wiener Archiven, auch in den Archiven der Partei noch finden?
Für Gerda Neudecker, im Sudetenland geboren, langjährige Geschäftsführerin der SG für den hochbetagten Leo Zahel und noch immer tätig als Schatzmeisterin der SG Österreich, war vor allem die Ehrung Seligers an der Seliger- Siedlung ein Heimkommen besonderer Art. Sie lebt seit einigen Jahren in einer kleinen Wohnung in der Siedlung, die so wunderbar angebunden und mit allem Versorgungseinrichtungen in Fußreichweite auch für betagtere Bewohner versehen ist.