Frühjahrstagung der Seliger-Gemeinde in Oberfranken (Sudetendeutsche Zeitung 11.05.2018)

Mit dem Bus nach Eger und in die Vergangenheit

Das Frühjahrsseminar der Seliger- Gemeinde in Bad Alexandersbad Ende April ließ die gut 50 Teilnehmer in die Vergangenheit vor 80 Jahren eintauchen, auch um den demokratischen Traditionen in der Mitte Europas nachzuspüren, an die wir heute unbedingt anknüpfen können.

Schwerpunkt des Seminars war die Busfahrt nach Eger, um einen historischen Ort, das Volkshaus des Konsumvereins, aufzusuchen, in dem 1938 Büros verschiedenster Organisationen der DSAP beheimatet waren. Das vormalige Hotel, das der Konsumverein in den zwanziger Jahren erwarb, ist heute ein Depot des Städtischen Museums von Eger. Vor zehn Jahren, zur 70. Wiederkehr der versuchten Erstürmung des Volkshauses durch aufgehetzte Anhänger Konrad Henleins, wurde unter Teilnahme eines ehemaligen Bewohners des Hauses, Otto Rubner, und vieler offizieller Gäste aus Eger, Prag und Bayern eine Gedenktafel in tschechischer und deutscher Sprache enthüllt.

Dr. Helmut Eikam, Johannes Kahrs MdB, Albrecht Schläger, Michal Pospíšil und Thomas Oellermann.
Bild: Ulrich Miksch

Der mittlerweile verstorbene Otto Rubner erlebte als Kind den Tag der versuchten Erstürmung 1938 nach einer Rede Adolf Hitlers in Nürnberg, die aus allen Radios in Eger erscholl und die der Tschechoslowakei vor die Wahl stellte entweder das Sudetenland abzutreten oder in einen Krieg mit Deutschland zu geraten. Er legte auch über die Schüsse auf das Haus und die eingeworfenen Fenster Zeugnis ab. Heuer, 80 Jahre nach den Ereignissen, kam die SG wieder zum Volkshaus, um sich von Mitarbeitern des Museums die Depots mit Egerer Möbeln, Fahrrädern, aber auch viele hundert Jahre alten Funden aus der Stadt zeigen zu lassen.

Nach einem kleinen Stadtrundgang fand sich die Gruppe im Rathaus zu einer Feierstunde ein, wo sie der Zweite Bürgermeister Michal Pospíšil begrüßte. Die Festansprache hielt der Historiker Thomas Oellermann, der auch die inhaltliche Ausgestaltung des Seminars verantwortete. „Für Freiheit und Demokratie – der Kampf der Republikanischen Wehr gegen die Henlein- Bewegung im September 1938“ hieß sein Referat, in dem er viele Namen bedeutender Sozialdemokraten aus Eger aufführte und deren Lebens- und Leidenswege schilderte. Oellermann konnte auch an den bekannten ATUS-Funktionär Franz Mykura aus Falkenau erinnern, dessen Enkel Rosamund und Nigel Mykura aus Dorset in Großbritannien angereist waren und der Feierstunde beiwohnten.

Die Republikanische Wehr, die die sudetendeutschen Sozialdemokraten in den zwanziger Jahren zur Verteidigung der CSR aufgestellt hatten, deren letzter Vorsitzender der spätere SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Paul war und die wesentlich bei der Verteidigung des Volkshauses in Eger in Erscheinung trat, bildete die Brücke zu einem anderen Teilnehmer des Seminars und Grußredner: Johannes Kahrs MdB, der auch Vorsitzender des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten ist. Kahrs erinnerte in seiner Ansprache im Egerer Rathaussaal an die Gemeinsamkeiten der Entwicklungen in der Weimarer Republik und der Ersten CSR. In beiden Gesellschaften war die Demokratie in Gefahr und zu schützen.

Kahrs erinnerte an einen der ersten Toten unter den Reichsbanner- Kameraden: Erich Schulz aus Berlin-Kreuzberg, der bei einer Unterstützungsaktion für den Reichspräsidentenkandidaten des demokratischen Blocks, Wilhelm Marx (Zentrum), Ende April 1925 von einem Rechtsradikalen angeschossen und tödlich verletzt wurde. Der Täter wurde Anfang Juli 1925 vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen. Dieser Tote, dessen das Reichsbanner in diesen Tagen auf einer Gedenkveranstaltung in Berlin gedachte, stand am Anfang einer langen Kette politischer Gewalt, gegen die sich wohl drei Millionen organisierte Deutsche im Reichsbanner wehrten, bis es 1933 aufgelöst wurde.

Ein wichtiges Grußwort zur Feierstunde sprach Helmut Eikam. Der in Eger geborene Ko- Vorsitzende der SG erinnerte an den Kampf um das Volkshaus und die vor zehn Jahren erfolgte Enthüllung der Gedenktafel. Die musikalische Umrahmung gestaltete Peter Heidler, Vorsitzender der SG in Bayern. Mit seiner Auswahl böhmischer Musikstücke traf er den Nerv des tschechischen Bürgermeisters. Dazu gehörte der Walzer „Unser tschechisches Lied“ (Ta naše písnicka ceská) von Karel Hasler, das unter der NS-Besatzung im Protektorat zu einer heimlichen Nationalhymne der Tschechen wurde und in einer veränderten NSkritischen Version den Verfasser Hasler 1941 ins KZ Mauthausen brachte, wo er nach wenigen Monaten an den Folgen von Folterungen starb. Mit der Wachtel-Polka von Karel Vacek am Schluß beschwingte Heidler die Gäste der Feierstunde, und der Stadtrundgang auf den Spuren der Egerer Juden durch die Jahrhunderte konnte beginnen.

Die Historikerin Gábina Ubryová aus Eger spazierte bei herrlichstem Wetter nicht nur durch die Gassen des ehemaligen Gettos, sondern bestach auch mit anderen Auslassungen zur Egerer Geschichte, darunter das tragische Ende des Balthasar- Neumann-Hauses als Treffpunkt der Deutschen in Eger. Das denkmalgeschützte Haus steht jetzt zum Verkauf.

Am Abend lief in Bad Alexandersbad der tschechische Dokumentarfilm „FC Roma“ von 2016, der mit bewährter Sonder-Untertitelung in deutscher Sprache von Thomas Oellermann wieder einmal die Möglichkeit bot, zeitgenössisches Kino abseits vom deutschen Publikumsgeschmack zu erleben. Tomáš Bojar, einer der beiden Filmregisseure, gewährte Einblicke in die Entstehung des Films und dessen bisherige Rezeption.

Der Film schildert die absurde Situation eines Fußballvereins in der tschechischen Kreisliga, der nur Roma als Spieler hat – wie übrigens noch etwa 20 andere Fußballvereine in der Tschechischen Republik. Jedoch wurde der Verein 2014 über Monate von den anderen Mannschaften der Kreisliga ignoriert. Sie traten einfach nicht zum Spiel an und mußten dafür Strafen und Punktabzüge in Kauf nehmen. So kletterte völlig ohne reguläre Spiele die Mannschaft des FC Roma aus Tetschen-Bodenbach die Tabelle empor – bis dann doch einmal der Boykottzwang aus rassistischen Gründen gebrochen und endlich Fußball gespielt wurde. Der Film hatte beim Filmfest in Karlsbad 2016 Premiere und wurde auf 20 anderen Filmfestivals gezeigt. In der Tschechischen Republik bespielt er vor allem Programmkinos und regt zum Nachdenken an.

Das Seminar, das in Bad Alexandersbad begann und endete, streifte noch viele praktische Themen der Arbeit zur Stärkung der Demokratie und der Abwehr rechtsextremistischer Aktivitäten, die gerade Wunsiedel mit den alljährlichen Aufmärschen am Grab von Rudolf Heß und den Kampf der Stadt dagegen geradezu exemplarische Erfahrungen beisteuern kann. Was jedoch alle Teilnehmer überraschte, war die Erkenntnis, daß die SG in der SPD noch eine Schwesterorganisation im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold hat, wie die Landesvorsitzende aus Sachsen, Diana Bäse, darstellte: 1953 wiedergegründet, besinnt sich das Reichsbanner auf seine Tradition aus der Weimarer Republik und schaut in seiner Arbeit, die vor allem politische Bildungsarbeit ist, auf die Gefährdungen der Demokratie heute. Von der Größe her ist das Reichsbanner mit der SG vergleichbar – nur der Alterdurchschnitt ist bemerkenswert. 30 Jahre jung ist das durchschnittliche Mitglied des Reichsbanners, wohl weil die Gefährdungen unserer Tage auch die Jugend alarmieren.

Bericht Sudetendeutsche Zeitung, Folge 19, 11.05.2018

Ulrich Miksch