Böhmerwaldfahrt der SG München (09.–12.06.2016)

Eine Linde für Wenzel Jaksch

Die Jahresfahrten der Münchner SG-Gruppe erfreuen sich seit langer Zeit regen Zuspruchs aus allen Teilen Deutschlands. Nach dem Ausflug 2015 nach Reichenberg, der auch zum Geburtsort Josef Seligers führte und bei dem im Garten des Begegnungszentrums des Verbandes der Deutschen unter tatkräftiger Hilfe des stellvertretenden Bürgermeisters von Reichenberg eine Birnen-Quitte (Foto) gepflanzt wurde, die nach neuesten Informationen gut gedeiht, lenkte die Gruppe ihr diesjähriges Reiseinteresse vom 09. bis 12. Juni in den Böhmerwald. Waldemar Deischl und Peter Wesselowsky planten die viertägige Reise zu wichtigen Stätten des Böhmerwaldes, man könnte sie ihrer beeindruckenden Schönheit wegen auch Perlen nennen, die ihren Angelpunkt in Budweis suchte.
Prachatitz wurde besucht, bevor die Gruppe mit über 30 Teilnehmern im Hotel Budweis Quartier aufschlug. Eine junge Einheimische führte durch die Stadt und öffnete die Augen für die noch gut erhaltene Stadtanlage. Im Galopp wurde am folgenden Tag Tabor mit seinem Hussitenmuseum durchquert. Man begegnete dem tschechischen Geschichtsbewusstsein mit dem Verbrennungsopfer Jan Hus, den Schlachten-Diarahmen über die Hussitenkriege, einem Gemälde und persönlichen Gegenständen von František Palacký, aber auch der eigentümlichen Turmuhr von Tabor mit nur einem Zeiger und einem umlaufenden 24-Stunden-Ziffernblatt. Dann ging es weiter nach Wittingau, eine tschechisch geprägte Stadt mit ihrer Teich-Welt, aus der die besten Karpfen Tschechiens kommen sollen. Zurück in Budweis, wo der Bahnhof noch Habsburgisches Flair vermittelt, die Nähe Österreichs spürbar ist und in den Kneipen noch fast selbstverständlich auch deutsch gesprochen wird, bereitete sich die Gruppe auf den kommenden Tag vor.
20160609_sg_boehmerwald_1Am Samstag ging es dann nach Langstrobnitz, dem Geburtsort von Wenzel Jaksch. Zur Einstimmung erklang die Stimme des sudetendeutschen Sozialdemokraten – Aufnahmen aus den Tagen in Prag und Wiesbaden; seine bisher unveröffentlichten, Torso gebliebenen Lebenserinnerungen wurden gelesen. In Krummau stießen etwa zehn Heimatverbliebene unter der Leitung von Emma Marx, der Vorsitzenden des Böhmerwaldvereins, zur Münchner Gruppe. Über Strobnitz, wo Jaksch bis zum Frühjahr 1910 zur Schule ging, kaum acht Jahre lernen durfte, wo noch heute ein großes Schulgebäude (škola) von 1929 bei damals wenigen tschechischen Kindern von einer eher verfehlten Minderheitenpolitik zeugt, bogen wir ins enge Tal von Langstrobnitz ein. Am Standort des Jaksch-Hauses breitet sich heute eine Wiese aus, steht ein Hochspannungsmast. An der alten Brücke warteten die Vertreter der Gemeinde auf uns. Das Grundstück an der Straße vor dem Bächlein Strobnitz war gemäht, die Sträucher waren geschnitten, um einem neuen Baum Licht und Luft zu lassen. In einer kurzen Ansprache würdigte Peter Wesselowsky Wenzel Jaksch. Dann verlas Waldemar Deischl die Worte der SG-Ehrenvorsitzenden. Olga Sippl schrieb unter anderem: Lieber Freund Wenzel Jaksch, möge dieses Bäumchen, das wir, Deine Heimat- und Gesinnungsfreunde, zum Gedenken an Dich pflanzen, mit seinen Wurzeln aus der Heimaterde jene Kraft schöpfen, die Dich geprägt hatte. Möge es grünen und Stürmen widerstehen. Wir danken Ihnen, verehrte Verantwortliche der Politik, liebe Bürgerinnen und Bürger, dass Sie uns dies ermöglichen! Sie dokumentieren damit, dass Frieden und Zusammenarbeit zwar von der sogenannten Großen Politik beschlossen und verkündet wird, die Verwirklichung ist aber nur er-folgreich, wenn wir, das Volk, dies tun. So sind wir Ihnen und Euch, obwohl wir uns erst heute begegnen, in Freundschaft an der Arbeit für den Frieden auch in Zukunft verbunden!

Waldemar Deischl, Emma Marx, Peter Wesselowsky, Hana Valentová und František Venecek, Fotos: U. Miksch
Waldemar Deischl, Emma Marx, Peter Wesselowsky, Hana Valentová und František Venecek, Fotos: U. Miksch

Die beiden Gemeindevertreter, der Vizebürgermeister von Dlouhá Stropnice František Vanecek und die Gemeinderätin Hana Valentová, ergriffen ihrerseits das Wort und verlasen faktisch in tschechischer Sprache unsere Würdigung der Person Wenzel Jakschs. Dann ging es ans Einpflanzen der in einem Topf wartenden Linde. Deutsche und Tschechen ergriffen die Schaufel, und bald war der Baum gesetzt. Es ging einem schon nahe, dass Wenzel Jaksch, der sein Elternhaus immer mit sich trug in Erinnerung oder als Foto und der nach seiner Flucht im März 1939 nie mehr wieder böhmischen Boden betreten durfte, 50 Jahre nach seinem Tode symbolisch in dieser würdigen Feierstunde zurückgekehrt ist.
Einige hundert Meter in Richtung österreichische Grenze warteten auf der Terrasse der von der Gemeinde betriebenen Kegelbahn gegrillte Wurst, Bier, Gebäck und Kaffee auf die Teilnehmer/innen. Emma Marx und die Ortsvorsteherin von Horní Stropnice, das heute nur noch 50 Einwohner zählt, haben unseren herzlichen Dank verdient für ihre Arbeit zum Gelingen der Baumpflanzung. An der Wallfahrtskirche Maria Trost in Brünnl, die eine heilige Wasserquelle fasst und seit 2015 wieder in renoviertem Glanz erstrahlt, die Wenzel Jaksch immer sah, wenn er hinter seinem Elternhaus in die Landschaft schaute, trennten sich unsere Wege. Wir fuhren zurück nach Krummau, 2015 UNESCO-Weltkulturerbe, um die heimatverbliebenen Teilnehmer/innen zurückzubringen, aber auch, um einen schönen Spaziergang von der Höhe bis zur Moldauschleife zu ma-chen – durch Garten, Schloss und Stadt.

An der Stelle des Strommastes stand das Geburtshaus von Wenzel Jaksch, Foto: Thomas Oellermann
An der Stelle des Strommastes stand das Geburtshaus von Wenzel Jaksch, Foto: Thomas Oellermann

Die Rückfahrt am nächsten Tag ließ die Gruppe noch einiges Sehenswertes streifen: Die Zisterzienser-Abtei Hohenfurth, an der Moldau gelegen, die früher einen ausgedehnten kirchlichen Einfluss auch auf die Strobnitzer Kirche ausübte, ließ die Besucher staunen; die Fahrt an der Moldau entlang veranlasste Peter Wesselowsky, Smetanas Moldau aufzulegen; das Durchfahren der Ferienkolonien am Lipno-Stausee; das Geburtshaus von Adalbert Stifter in Oberplan; der Abstecher in das kleine Städtchen Winterberg zum letzten Mittagessen nach böhmischer Art. Der Böhmerwald, dessen Lied nicht nur einmal aus vielen Kehlen im Bus erklang, hat den Teilnehmern neben der politisch einmaligen Baumpflanzaktion zum Gedenken an Wenzel Jaksch auch die Perlen erkennen lassen, die in dieser Landschaft am Dreiländereck zu finden sind.

Ulrich Miksch