Bericht von Helena Päßler zum Pragbesuch (14.-20.01.2020)

Als „Antrittsbesuch“ gedacht, waren mein Aufenthalt in Prag und die damit verbundenen Besuche und geführten Gespräche jedoch mehr als das. Nach 54 Jahren in Deutschland (seit Dezember 1965) fühle ich nunmehr eine unglaublich große Nähe zu meiner Heimat. Es ist, als ob ich zurück zu den Wurzeln müsste. Zumal die Menschen, auf die ich traf, uns Deutschen gegenüber nicht nur überaus aufgeschlossen sind, sondern  – vor allem die jungen Tschechen – erfahren wollen, wie es war und was passierte. Sie geben sich nicht mehr damit ab, was ihnen vorgelogen oder vorenthalten wurde.

Begonnen hat mein Besuch, gemeinsam mit Herrn Dr. Jiri Vidim, dem Vorsitzenden des Kulturverbandes, bei Herrn Barton in seinem Sudetendeutschen Büro. Nur ein kleines Schild am Haus weist auf das Büro hin. Immer wieder gab es von nationalistischen, unbelehrbaren Tschechen Proteste und Angriffe. Aber die Arbeit, die von dort aus von Herrn Barton geleistet wird, ist unbezahlbar. Auf seine Initiative hin  stellte ich mich auch in der Bayerischen Repräsentanz vor, wo mich Herr Vickers sehr freundlich empfing, mir die wunderschönen Räumlichkeiten zeigte und mich ins Gästebuch eintragen ließ.  Weiterhin richtete ein tschechischer Sozialdemokrat, Herr Radek Mikula, einen Gesprächskreis im Lidovy dum/Volkshaus in der Hybernska Straße aus, unter dem Arbeitstitel: „Gemeinsam mit sudetendeutschen Sozialdemokraten“. Es wurde daraus ein beiderseitig sehr engagiertes und offenes Gespräch. An der Diskussion nahm  u.a. auch Petr Brod teil, der Mitglied des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds ist und im September 2019 an der DSAP-Veranstaltung in Teplitz teilnahm.

Aus persönlichen Gründen war ich in der badatelna (ähnlich wie in Deutschland eine Behörde für Stasi-Unterlagen). Dort wurde ich konfrontiert mit den Spitzeltätigkeiten, die über unsere Familie getätigt wurden. Unschön, traurig, aber ich musste feststellen, dass viele Angaben falsch und erdacht waren. Diese Seite der Geschichte ist damit für meine Familie und mich abgeschlossen.

Dr. Jirí Vidim – Vors. Kulturverband Prag, Herr Hermann – Landesecho, Helena Päßler – Bundesvorsitzende

Zu den schöneren und wesentlicheren Begegnungen in Prag: Mit Thomas Oellermann waren wir in der Demokratischen Masaryk-Akademie, wo wir ein Gespräch mit dem stellvertretendem Vorsitzenden, Herrn Patrik Eichler hatten. Zufälligerweise führte Frau Alena Wagnerova  („Helden der Hoffnung- die anderen Deutschen aus den Sudeten“)ein Gespräch mit ihm zuvor. Wir trafen sie dort noch an.  Das war eine wunderbare Begegnung!

Da auch das Nationalmuseum renoviert wurde und mit dem ehemaligen Parlamentsgebäude nun verbunden ist, habe ich mir dort eine Ausstellung zur „Samtenen Revolution 1989“ angesehen. Da ich zu der Zeit oft in Prag war, sind mir die Namen geläufig und die Bilder immer noch präsent.  Auch diese Zeit ist vielen Tschechen bereits fern, aber die jungen Menschen sind interessiert.

Zwei besonders emotionale, jedoch völlig unterschiedliche Besuche waren die Theaterbesuche. Einmal in der neu renovierten und erst kürzlich eröffneten Staatsoper, dem früheren Neuen Deutschen Theater die Oper „Madama Butterfly“, gemeinsam mit Herrn Dr. Vidim und dann im Theater Jary Cimrmanna „ Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ nach dem Buch von Katerina Tuckova. Erlebnisse, die unvergessen bleiben.

Patrick Eichler – Masaryk-Akademie, Helena Päßler – Bundesvorsitzende, Dr. Thomas Oellermann – Friedrich-Ebert-Stiftung

Im Haus der nationalen Minderheiten in der Vocelova Straße führten wir, Herr Dr.Vidim und der Direktor, Herr Jakub Stedron, ein sehr interessantes Gespräch zur Anerkennung der Minderheiten – besonders in der tschechischen Gesellschaft,  zur doppelten Staatsbürgerschaft, zur Finanzierung. Im gleichen Hause ist die Redaktion des „Landesecho“, so dass ich die Gelegenheit hatte, den Chefredakteur, Herrn Steffen Neumann, kennenzulernen. Unmittelbar neben der Redaktion hat Herr Dr. Vidim seinen Arbeitsraum des Kulturverbandes. Der Weg zum Haus der nationalen Minderheiten führt vorbei an dem Krankenhaus, in dem am 19.01.1969 Jan Palach verstarb. Am Vorabend meiner Abreise aus Prag nahm ich an einem Gottesdienst, zu Palachs Ehren, teil mit Pfarrer Tomas Halik in der Salvatorkirche. Er, der Pfarrer, der im Untergrund in den 70er Jahren Religion studierte, ist heute leider wieder unbeliebt, da er ungeliebte , unangenehme Wahrheiten ausspricht. Die Kirche war brechend voll. Zuvor – obligatorisch bei einem Prag-Besuch, besuchte ich das Grab von Vaclav Havel und seiner Familie.

Ein für mich unvergesslicher Prag-Besuch. Im Interesse der Seliger-Gemeinde, im Interesse von uns, den sudetendeutschen Sozialdemokraten, konnte ich unzählige Kontakte knüpfen. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Besuch im März.

Helena Päßler
(Wiesbaden, 23. Januar 2020)