11. Empfang für Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Spätaussiedler der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag (Sudetendeutsche Zeitung 22.06.2018)

Eine phantastische Freundin

Im Rahmen ihres Empfangs für die Heimatvertriebenen ehrt die SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag alljährlich verdiente Landsleute als Brückenbauer und verleiht die Seliger-Gemeinde ihren Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis.
„Schön, einmal vor so einem vollen Haus zu sprechen“, freute sich Volkmar Halbleib, Vertriebenenpolitischer Sprecher der Fraktion und Gastgeber, angesichts des prallen Plenums und der bevölkerten Besuchertribüne. Und deshalb brauchte er eine Weile, bis er die Gäste aus Politik, Vertriebenenverbänden und Geistlichkeit, darunter Wenzel-Jaksch-Sohn George, begrüßt hatte.

Peter Barton, Leiter des Sudetendeutschen Büros in Prag und Laudator von Wenzel-Jaksch-Preisträgerin Michaela Marksová.

Natascha Kohnen MdL, Landesvorsitzende der SPD in Bayern und Vizevorsitzende im Bund, sagte eingangs, sie habe einen Antrittsbesuch beim BdV-Landesvorsitzenden Christian Knauer gemacht und sei erstaunt, daß das eine Premiere gewesen sei. Noch nie zuvor habe ein Vorsitzender einer bayerischen Partei die BdV-Geschäftsstelle besucht.
Die Brücken zwischen SPD und Vertriebenen seien belastbar und sollten es bleiben. Richard von Weizsäckers Satz Der Satz „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ bewahrheite sich einmal mehr.

Hier mit ihren Töchtern Ernestine und Berta, die wie ihre Eltern fleißige Besucher der Sudetendeutschen Tage sind.

Mit dem Brückenbauerpreis für die Donauschwaben, die DJO und Erwin Vollerthun zeichne die SPD und mit Michaela Marksová die Seliger-Gemeinde Menschen aus, die sich um Verständigung und Versöhnung verdient gemacht hätten. Bereits vor der Preisverleihung hatte Kohnen erklärt: „Seit langem hält Michaela Marksová engen Kontakt mit der Seliger-Gemeinde, identifiziert sich mit deren Zielen und besucht Sudetendeutsche Tage. Sie stellte sich immer der gemeinsamen Geschichte. So gedachte sie in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg der dort ermordeten sudetendeuten Sozialdemokraten und sprach beim Festakt im Hessischen Landtag in Erinnerung an 65 Jahre Wiesbadener Abkommen. Die Bayern-SPD und viele Sudetendeutsche schätzen sie für ihre völkerverbindende Offenheit.“ Auch Christa Naaß, Generalsekretärin des Sudetendeutschen Rates, wies auf die frühe und tiefe Verbindung Marksovás und ihrer Familie zur Seliger-Gemeinde und zu den Sudetendeutschen hin.

Brückenbauer Erwin Vollerthun mit Laudatorin Christa Naaß, Generalsekretärin des Sudetendeutschen Rates.

Laudator Peter Barton, Leiter des Sudetendeutschen Büros in Prag: Aufgewachsen sei die heute 49jährige Michaela Marksová, geborene Tominová, in einer tschechischen Welt, wo sie mit der jüdischen, deutsch-jüdischen und tschechischen Vergangenheit ihrer Stadt konfrontiert worden sei. „Sie wußte, daß neben der eintönigen, von den Kommunisten erzwungenen ,Normalisierung‘ der siebziger und achtziger Jahre noch etwas anderes in den Häusern und Straßen schlummerte und an die vernichtete oder vertriebene Welt der Deutschen und Juden erinnerte. Ohne diese wäre Prag nicht, was es ist.“

Ruth Müller MdL, Laudatorin der DJO-Brückenbauer Nadja Regenbrecht und Felix Goergen.

Bevor sie von 2014 bis 2017 tschechische Arbeits- und Sozialministerin gewesen sei, habe sie sich in gemeinnützigen Gesellschaften wie Gender Studies engagiert. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau habe ihr Leben geprägt. Ursache sei auch ihr familiärer Hintergrund. Sie sei die Nichte des Philosophen Julius Tomin und dessen Frau Zdena, einst Sprecherin der Charta 77. Karlspreisträger Petr Uhl erinnere sich noch heute, wie er bei seinen Besuchen bei der Familie Tomin der kleinen Michaela den Kopf gestreichelt habe.

Natascha Kohnen MdL, SPD-Vorsitzende in Bayern und Stellvertretende auf Bundesebene.

Seit 1997 sei sie CSSD-Mitglied, im CSSD-Schattenkabinett sei sie Sprecherin für Menschenrechte und Minderheiten und 2015 bis 2018 CSSD Vizevorsitzende gewesen. Bis heute sei sie in ihrem Prager Stadtbezirk Königliche Weinberge kommunalpolitisch tätig. Dort seien deutsche Frauen und Kinder 1945 in einer Schule eingesperrt worden, und 1951 hätten die Kommunisten die dortige Synagoge gesprengt. Das interessiere sie.

Volkmar Halbleib MdL dankt Brigitte Steinert für ihre langjährige Tätigkeit als Stellvertretende Direktorin des HDO München.

2012 habe sie sich wegen unfreundlicher Berichte des Tschechischen Fernsehens über ihren Besuch des Sudetendeutschen Tages öffentlich beschwert, worauf die tschechischen Nationalisten und Kommunisten feindselig reagiert hätten. Auch Barton würdigte Marksovás mutige Rede anläßlich 65 Jahre Wiesbadener Abkommen im Juli 2015 trotz vielfacher Versuche, sie davon abzuhalten, sowie an andere Auftritte vor Sudetendeutschen und den gemeinsamen Auftritt 2014 bei der Eröffnung der Synagoge in Jägerndorf.

Prost mit Rotwein auf die Roten: Volkmar Halbleib, Renate Slawik von der Seliger-Gemeinde und George Jaksch.

„Michaela ist eine phantastische Freundin von Volksgruppensprecher Bernd Posselt, Bayerns SL-Landesobmann Steffen Hörtler, mir und allen, die sich für Verständigung einsetzen. Dafür hat sie viel getan. Das meiste geschah nicht öffentlich. Manchmal ging sie bis an die Grenze des Möglichen, um zu helfen“, schloß Barton.
„Der Preis ist für mich nicht nur eine Bewertung dessen, was ich tat, sondern auch eine Verpflichtung für die Zukunft“, dankte Marksová.

Der donauschwäbische Brückenbauer Hermann Schuster, Kristina Larischová, tschechische Generalkonsulin in München, Dr. Peter Becher, Geschäftsführer des Adalbert-Stifter-Vereins, Piotr Zmyslony vom polnischen Generalkonsulat in München,…

Ein Film über das Haus der Donauschwaben in Haar bei München leitete die Auszeichnungen der Brückenbauer ein. Er zeigte das Haus als wichtigste Fundstelle donauschwäbischen Lebens mit der weltgrößten Sammlung donauschwäbischer Trachten und einer beachtlichen musikalischen Sammlung, immer neuen Ausstellungen, mannigfaltigen Veranstaltungen, Sprachkursen sowie als Domizil der landsmannschaftlichen Familienforschung und Geschäftsstelle.

…Katrin Panten, Staatssekretär Florian Pronold MdB, Martin Panten, Stellvertretender Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde, sein Sohn Florian,…

Die Donauschwaben seien eine kleine, aber wichtige Landsmannschaft wegen ihres besonders harten Schicksals, ihres Lebensmuts und ihrer Kraft in der „neuen Heimat“ sowie ihrer Versöhnungsarbeit in der Heimat im heutigen Serbien, nannte Laudator Volkmar Halbleib die Gründe für die Auszeichnung. Ohne staatliches Geld hätten die Donauschwaben in Bayern ihr Haus ehrenamtlich in 25 Jahren aufgebaut und betrieben. Er dankte Hermann Schuster, dem Vorsitzender der Donauschwaben in Bayern und Oberbayerns Bezirksratstagspräsident a. D., sowie dessen Vorstandskollegen Eva Hübner und Paul Beiwinkler. Schuster dankte „dem Hohen Haus“ mit den Worten des Bischofs von Canterbury, der nach einer Lobrede gesagt habe: „Heute bete ich zweimal, einmal für Euch und einmal für mich, weil alles, was gesagt wurde, stimmt.“

…Martin Januschko von den Böhmerwäldlern, SdJ-Bundesvorsitzender Peter Paul Polierer, sein Stellvertreter Mario Hierhagen, Birgit Unfug und Dieter Olbrich, Präses für die Seelsorge an den sudetendeutschen Katholiken.

Ruth Müller MdB war Laudatorin der Brückenbauer der DJO in Oberbayern, die sich für die heutigen jungen Flüchtlinge und Vertriebenen einsetzt. „In Zeiten wie diesen ist die DJO ein Vorbild für manche Politiker.“ Felix Goergen und Nadja Regenbrecht erzählten mit Bildern und viel Gefühl vom bereichernden DJO-Landesjugendtag in einem Flüchtlingsheim und späteren Treffen mit jungen Flüchtlingen: „Nur glückliche Menschen und Spaß pur beim gemeinsamen Tanzen, Singen und Spielen.“ Das sei nicht von ungefähr gekommen. „Wir kennen Vertreibung und können Jugendarbeit.“ Außerdem habe sie der Rotary-Club großzügig unterstützt, und sie hätten Partner wie die Caritas.
„Er ist Mitglied der Elbing- Club-Pankgritz-Kolonie, der Gesellschaft der deutschen Minderheit Stadt und Kreis Elbing, Vorsteher und Sprecher der Ortsgemeinschaft Maibaum, Mitglied der Heimatkreise Elbing Stadt und Land, Mitglied der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen“, listete Christa Naaß die Engagements von Brückenbauer Erwin Vollerthun aus Bayerisch Schwaben auf. Sein Vater stamme aus Maibaum, seine Mutter aus Elbing, ebenso seine polnische Frau, die er dort bei einem Heimatbesuch kenngelernt habe. Seit Jahrzehnten setze er sich für die deutsche Minderheit im Norden des heutigen Polen ein, fördere die lokale Geschichte der Heimatorte und pflege deren Kultur mit dem Ziel der Aussöhnung auf dem Fundament des Christentums. In den vergangenen Jahrzehnten habe er zigtausende Euro für die deutsche Minderheit, das Kreiskrankenhaus und die Armenküche in Elbing gesammelt.

„Miss Wischau“ Rosina Reim und Ingrid Sauer, im Bayerischen Hauptstaatsarchiv zuständig für das Sudetendeutsche Archiv. Dr. Friedrich Weckerlein, Organisator des Vertriebenenempfangs, beobachtet „seine“ Veranstaltung.

Vollerthun dankte für die Ehrung, seinen Mitstreitern, den Spendern und nicht zuletzt seiner Frau für die Unterstützung. „Ich wäre froh, wenn die Katholische Kirche in Polen weniger voreingenommen wäre“, sagte er. Und: „Ich bin auch in der SL Krumbach und versuche, sie auf Versöhnungskurs zu bringen. Unser Obmann ist ein ,Hardliner‘. Doch nächstes Jahr sind Neuwahlen. Bis dahin werde ich sie auf Kurs bringen.“
In seinem Schlußwort berichtete Christian Knauer über alle Geehrten, Laudatoren und Redner nicht erwähnte Details. Zum Beispiel, daß der Oberste Gerichtshof in Serbien die einst so schändlich verfolgten Donauschwaben rehabilitiert habe. In Jarek, mittlerweile ein Gedenkstätte der dort internierten und der dort getöteten und in einem Massengrab verscharrten Landsleute, habe die gesamte Staatsführung an einer Gedächtnisfeier teilgenommen. Das sei nicht von ungefähr gekommen: Viele Menschen guten Willens hätten den Boden dafür bereitet.

Stephanie Rosenberg und ihr Mann Daniel Reising mit einem Hut, den aus Wachs gefertigte Blüten zieren. Sie sind Hauptakteure der donauschwäbischen Trachtengruppe im oberbayerischen Freising, die 2017 als Brückenbauer ausgezeichnet wurde.

Schließlich „verabschiedete“ Volkmar Halbleib den Historiker Friedrich Weckerlein, Parlamentarischer Berater der SPD-Landtagsfraktion für Europapolitik und „Mehrzweckwaffe für Heimatvertriebene“. Dieser habe nun zum letzten Mal diesen Vertriebenenempfang gestaltet.
Das Ensemble „Hofer Blech“ spielte eine „Intrada“ aus dem 18. Jahrhundert, ein Volkslied des 1941 im KZ umgekommenen Karel Hašler, die Hymne der Donauschwaben, die Europahymne und „I‘m Beginning to See the Light“ von Duke Ellington.

Nadira Hurnaus

Sudetendeutsche Zeitung Folge 25 | 22.06.2018 | Seite 5
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